Schmalz auf unserer Haut

Ich war noch keine fünfzig Meter gelaufen, da hielt mir eine Frau eine weiße Schale entgegen: „Hier, nimm, Griebenschmalz, ist geschenkt!“

Es war der 11. November 1989, ich hatte gerade meine ersten Schritte über die breite und komplett autofreie Bernauer Straße gemacht, die ersten Schritte in West-Berlin, war direkt an der Aussichtsplattform vorbeigegangen. Und plötzlich hielt ich Schmalz in den Händen.

Die Warteschlange der Menschen reichte bis tief in die Oderberger Straße. Vor zwei Tagen war noch nicht daran zu denken, dass man schon am Sonnabend an der gleichen Stelle die Grenze passieren und innerhalb weniger Meter im Wedding stehen konnte. Man hatte am Tag zuvor mit Kränen ein paar Elemente der Mauer entfernt, Stacheldrahtzäune durchtrennt und einen ca. 30 Meter langen Weg durch den Todesstreifen geebnet, an dessen Ende das grobe Kopfsteinpflaster der Bernauer Straße begann. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber meine Familie musste wohl nicht mal einen Ausweis vorzeigen, man wurde einfach durchgelassen.

Keine Autos, eine Fahrbahn im schlechtem Zustand und links entlang der Straße eine verrottete Mauer, die aus Häuserresten bestand. Ich hatte später im Leben erste Male, die spektakulärer begannen. Nach etwa 10 Minuten erreichten wir die Brunnenstraße und ab dann verlassen mich meine Erinnerungen etwas. Vielleicht weil ab da plötzlich alles so beeindruckend wurde, dass ich diese Eindrücke nicht verarbeiten konnte. Vielleicht aber auch einfach, weil nicht viel Erinnernswertes passierte.

Nachdem wir beim Rathaus Wedding waren, um dort die 100 DM Begrüßungsgeld entgegenzunehmen, die jedem DDR-Bürger angeboten wurden, ließen mich meine Eltern aussuchen, was ich von einem Teil des Geldes für mich kaufen wollte. Wir kamen kurz darauf an einem kleinen Stand vorbei, der auf dem Bürgersteig aufgebaut war. Ein asiatischer Mann verkaufte dort Uhren. Ein paar Minuten später war ich stolzer Besitzer einer schwarzen Casio-Digitaluhr. Für 3 DM. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Armbanduhren kann ich nicht leiden, ich mag es nicht, wenn Dinge an meinem Handgelenk baumeln. Was ich auch nicht wusste: Hält man einen Magneten an die Uhr, wird dadurch die Batterie entleert. Ein paar Tage später wusste ich dann beides.

Der erste Tag in Westberlin war kurz nach Einbruch der Dunkelheit auch schon vorbei. Wir gingen die Bernauer Straße zurück, passierten die Grenze und waren wieder zuhause. Ich stellte den Schmalz in den Kühlschrank, wir schauten Nachrichten.

Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Ich hasse Schmalz.

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2 Antworten zu Schmalz auf unserer Haut

  1. Victor schreibt:

    Hey ich bin zufällig auf deinen Blog gestoßen und genieße deine Lied des Tages Beiträge sehr!!! Hast du den Blog mittlerweile aufgegeben? Finde ich schade:/

  2. schneiderthomas819 schreibt:

    Yo Dimitri,nI heard you the other day in stuttertalk and I think you were courage and who cares what people think. I respect that cuz in my case I still have problems stuttering in front of people. PEACE MAN Click https://twitter.com/moooker1

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