Wir Kinder vom DDR-Zoo

Ich schulde Daniel heute noch 100 DDR-Mark. Daniel war mein bester Freund zwischen der ersten und sechsten Klasse. Er wohnte in der Kastanienallee nur ein paar Hausnummern von mir entfernt, wir gingen in die gleiche Schule und in den gleichen Fußballverein, Empor Berlin.

Daniel teilte sich ein Zimmer mit seinem großen Bruder, er hatte eine Mutter, die immer eine Schürze, und einen Hund, der ab und zu Binden trug. Die Wohnung war abgewohnt und dunkel, die Möbel alt. Ich glaube den Vater habe ich nie gesehen.

Daniel war ein halbes Jahr älter als ich, ich war etwas größer. Er konnte härter schießen, ich konnte schneller rennen. Er hatte einen C64 mit Datasette, ich war besser in der Schule.

Jedes Mal, wenn wir zum Fußballtraining oder einem Spiel gingen, kamen wir direkt an der Mauer vorbei. Exakt dort, wo heutzutage jedes Wochenende zwischen Mauerpark und dem angrenzenden Flohmarkt tausende Touristen den Weg versperren, stand sie einfach da. Weiß, hoch, lang, das wars. Sie war für mich nichts unnormales, nichts, das ich als Achtjähriger hinterfragt hätte. Daniel und ich waren hier, die Mauer dort. Und hinter der Mauer die Holztürme. Die Holztürme waren Aussichtsplattformen, die direkt hinter der Grenze in Westberlin aufgestellt waren, damit die Menschen einen Blick über die Mauer in den Osten werfen konnten. Manchmal winkten sie uns zu. Denke ich im Nachhinein darüber nach, wie etwa 100 Meter entfernt Menschen zu uns hinüberschauten als wären wir seltene Pinguine im Tierpark Berlin, fühlt sich das schon etwas komisch an. Irgendwie entwürdigend. 1987 oder 88 war uns das vollkommen egal. Drei Mal pro Woche ließen wir die Mauer links liegen und bogen von der Oderberger Straße rechts zum Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ab.

Eines Tages holte er mich wie immer ab, damit wir zusammen zum Training gehen konnten. Ich war der Meinung, dass unser Training an diesem Tag ausfallen würde, er sagte es fände statt. Wir gingen los und stritten die ganze Oderberger Straße weiter darüber. Vor der Feuerwehreinfahrt blieb ich kurz stehen und sagte: „Ich wette 100 Mark, dass das Training ausfällt.“

Ich weiß nicht wie es Daniel heute geht. Wir haben uns nie wieder gesehen, nachdem ich auf das Gymnasium gewechselt bin und er in eine Hauptschule. Mein Gefühl sagt mir, er könne das Geld gut gebrauchen.

Auf dem Rückweg vom Training liefen wir wie immer an der Mauer und der Aussichtsplattform vorbei. Wir haben den Menschen nie zurückgewunken. Wie die Pinguine im Tierpark.

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