Into the Wild

Es bieten sich im Leben nicht viele Gelegenheiten, kleine oder größere Rekorde aufzustellen. Ich versuche es heute mal mit dem wahrscheinlich spätesten Blog-Neujahrsgruß, der in diesem Jahr in deutschen Feedreadern landet.

Frohes neues Jahr, werte Leserschaft!

Die Damen und Herren, die meine Twitteraktivitäten verfolgen, werden den Grund meiner Sprachlosigkeit bereits kennen. Dem Rest möchte ich ihn nicht vorenthalten.

Mein Name ist Ghost Dog und ich bin offline.

Daheim über einen Zeitraum von mehreren Tagen kein Internet zu haben, ist eine Erfahrung, die ich das letzte Mal machen musste, als Gerhard Schröder noch Bundeskanzler war. Seit dem 31.12., dem Tag meiner Alice-Kündigung, sitze ich auf dem Trockenen und fühle mich wie eine Frau, die nicht telefonieren darf wie ein Nägelkauer ohne Fingerkuppen wie George Foreman ohne seinen Grill schlecht.

Ich bin abgeschnitten von schnellen Informationen, was im Jahr 2008 gleichbedeutend ist mit: Ich kriege nichts mehr mit. Kein DSL aus der Telefondose, keine UMTS-Flatrate auf dem Mobiltelefon, kein freies WLAN von ahnungslosen Nachbarn. Ich bin ein Fisch und jemand hat mir mein Wasser weggenommen und es zum Blumengießen benutzt.

Ich bekomme Nachrichten 12, wenn nicht sogar erst 24 Stunden später mit – das sind Zeiträume, die ich nicht mehr gewohnt bin, seitdem ich 2004 mein Studentenabo der Berliner Zeitung gekündigt habe, weil ich mich für 10 Euro im Monat am WLAN der WG schräg über mir beteiligen konnte.
Der Althaus-Unfall? Hab ich am 2. Januar von erfahren. Die Windows 7 Beta steht zum Download bereit? Wollte mir jemand per Fax von berichten, aber meine schwarze Tintenpatrone war alle. Die Airbus-Landung im Hudson? Am nächsten Tag zufällig auf der Titelseite einer Boulevardzeitung gelesen, als das Thema bei Twitter schon Staub angesetzt hatte. Robert Basic versteigert sein Blog bei ebay? Teilte man mir in den ZDF-Spätnachrichten mit. Die Deutsche Regierung verstaatlicht Banken? Davon weiß ich bis heute nichts.

Ein schlauer Schwede sagte vor ein paar Tagen: Ohne Internet zu sein ist wie eine Amputation der schwächeren Hand: man merkt erst, was man damit alles gemacht hat, wenn man es nicht mehr machen kann. (Liebe Einarmige, das soll keine Beleidigung und Herabsetzung Eurer Situation sein. Ihr habt es natürlich viel schlimmer.)

Morgens den Rechner hochfahren (bzw. über Nacht den Rechner laufen lassen für die Downloads der neuesten Folgen von “House”, “My Name Is Earl” usw.), die Mails checken, bei SpOn die Überschriften überfliegen, bei Twitter den tollen Tweet posten, der mir beim Zähneputzen eingefallen ist, bei AAS das aktuelle TV-Sportprogramm erfahren, beim Onlinegame ein paar Aktionen machen. Geht nicht. Mein Feedreader wurde seit fast 3 Wochen nicht geöffnet und es warten dort mehr ungelesene Beiträge auf mich als Schritte vor einem Fünf-Kilometer-Lauf.

Als mein Vater sich vor etwa 15 Jahren den Arm gebrochen hatte, durfte ich ihm ein paar Wochen lang täglich die Margarine auf die Stullen schmieren. In meiner aktuellen Situation hätte ich dringend jemanden gebraucht, der mir das Internet ausdruckt und mir schnell an die Tür liefert.

Mein Leid ist zum Glück endlich. Das magische Datum ist der 22. Januar. An diesem Tag überreicht mir meine gute Freundin Alice die schwarze Box, in dem sich das Internet befindet und schaltet mir meinen alten, neuen Anschluss wieder frei, den ich gekündigt hatte, die Kündigung zurücknehmen wollte, aber dann einen neuen Vertrag abschließen musste.

Diese Geschichte erzähle ich dann ein anderes Mal.

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4 Antworten zu Into the Wild

  1. Scheff schreibt:

    Daran sehen wir doch eindeutig wie abhängig du bist / wir sind – das ist beängstigend. Früher ging’s doch auch mal ohne … warum nicht heute mal wieder für ein paar Wochen um zu gucken wie es ist?
    Nach 10h täglicher Bildschirmarbeit im Job lasse ich den häuslichen rechner abends in der Woche bewußt aus. Twittern, bloggen, chatten, mit dem Handy in der Bahn surfen, überall erreichbar sein? Toll und unsere Sozialkompetenz und emotionale Intelligenz in der Kommunikation mit Mitmenschen leidet. Laßt uns wieder mehr miteinander reden und zwischenmenschlich agieren statt uns in usneren “Kokon” vor dem Rechner zurückziehen :)

    (sagt’s und schreib hier im Netz nen Kommentar) ;)

  2. Ghost Dog schreibt:

    Abhängigkeit – na klar. Aber keine wie Alkohol, sondern eher wie Öffentliche Verkehrsmittel. Als es noch keine S-Bahnen gab, sind die Leute eben 5 km gelaufen. Mit den Bahnen und Bussen kam die Mobilität und alle haben es als Erleichterung des täglichen Lebens angenommen. Dass ich und Du also nach einem 10-Stunden-Tag am Arbeitsrechner zu hause den PC mal auslassen, ist für mich nichts anderes als die spontane Entscheidung, die drei Straßenbahnhaltestellen einfach mal zu Fuß zu gehen.

    Und meine Sozialkompetenz leidet unter den Möglichkeiten, die das Internet mir bietet, nicht. Die Leute, mit denen ich neuerdings über das Internet kommuniziere, hätte ich vor fünf Jahren einfach woanders kennengelernt. Am Ende kommt es aufs Gleiche raus: Hat man sich mehr zu sagen als nur “Tachchen, wie gehts”, trifft man sich hier und da auf ein Bier oder geht ins Kino (bzw. guckt sich den neuen Bond auf im Heimkino noch vor der Deutschlandpremiere als “Russland-Import” an).

    Ich finde es ebenso erschreckend, wie unglaublich wichtig das Internet innerhalb der letzten drei bis fünf Jahre geworden ist. Aber “erschreckend” nicht im negativen Sinn, sondern: Es ist unglaublich, wie schnell sich eine Technologie als unverzichtbar durchsetzen kann, weil sie (ja, das meine ich ernst) beinahe ausnahmslos positiven Einfluss auf das Leben und die Lebensqualität jedes Menschen hat, der diese Technologie nutzt.

  3. Scheff schreibt:

    Wahrscheinlich bietet das Internet sogar mehr und einfachere Möglichkeiten Leute kennenzulernen. Aber mir fielen da so Extrembeispiele ein wie zwei Mädels auf einer Party die sich statt sich zu unterhalten SMS miteinander schrieben weil sie eine Flatrate hatten – oder Leute die sich von NAchbarraum zu NAchbarraum per MSN unterhalten und das nicht nur einmal aus Spaß :/

  4. steffi schreibt:

    weia! extrem ärgerlich, wo ich Dich just in diesem moment fragen wollte: was um alles in der welt schenkt man einem 2jährigen jungen zum geburtstag? ich wette, Du hättest es gewusst :(

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