Stockholm – Tag 1

Die Welt wird klein, wenn man größer wird.

Ich erinnere mich nur noch dunkel an meine erste Fernbeziehung. Sie hieß Nicki (das  Mädchen – nicht die Fernbeziehung – ich gebe Beziehungen doch keine Namen), war ein Jahr älter als ich und besuchte in einem Sommer Mitte der Achtziger das gleiche Ferienlager. Mein damaliges Alter kann ich nur grob schätzen – zwischen 7 und 9 werde ich etwa gewesen sein.

In diesem Ferienlager, das weiß ich noch sehr genau, mussten an einem Tag alle Kinder eine Art paramilitärische Übung abhalten. Nur wurde es natürlich nicht so genannt, sondern erfolgreich unter dem unverfänglichen Namen „Verstecken und Suchen“ angepriesen. Die Kinder wurden dazu in zwei Gruppen aufgeteilt – eine Gruppe bekam rote Papierarmbänder, eine Gruppe blaue. Die Kinder mit den roten Armbändern, darunter ich, wurden in einen Wald geschickt, um sich zu verstecken – und die Kinder mit den blauen Bändern mussten sie taktisch geschickt suchen und die roten Bänder abreissen, wenn der Feind gefangen wurde.

Aber ich schweife von meiner Fernbeziehung ab.

Nicki hatte mir am letzten Tag des Ferienlagers ihre Adresse gegeben und ich ihr meine. Sie wohnte in der Sültstraße und ich in der Kastanienallee. Zwischen uns lagen also schier unüberwindliche zwei Kilometer bzw. vier Straßenbahnstationen mit einmal umsteigen. Einer derartigen Fernbeziehung waren wir in unserem Alter leider nicht gewachsen. Wir haben uns nur noch einmal gesehen und seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.

Flug Berlin - StockholmHeute, mehr als 20 Jahre später, kann ich jedoch von mir behaupten:  Morgens um kurz vor 10 war ich noch auf den Straßen von Berlin unterwegs, und schon um 13 Uhr saß ich bereits in einem Bus auf dem Weg in die Stockholmer Innenstadt. Während Nicki und mich zwei Kilometer vom ewigen Kinderglück trennten, liegen zwischen Berlin und Stockholm läppische 800 Flugkilometer, die man in knapp 90 Minuten Flugzeit überwindet,  als wäre es eine etwas längere Fahrt mit der S-Bahn.

Nun bin ich also in Stockholm.

Es ist der 23. Dezember, morgen ist Heilig Abend, und ich glaube ich hatte an diesem Datum noch nie in meinem Leben zuvor so wenig Weihnachtsstimmung. Wie soll die auch aufkommen? Ich habe es mir ja ausgesucht, genau dieser Weihnachtsstimmung, der ich jedes Jahr mit dem Auto von Verwandschaft zu Verwandschaft hinterherhetze, zu entkommen. Nun muss ich damit leben, dass ich in einem 15-Quadratmeter-Zimmer sitze, auf eine Stadtteilverwaltung schaue und morgen nicht ein einziges Geschenk auspacken werde. Aber wenigstens der Ad-mini hat Glück – seine Geschenke hat der Weihnachtsmann in mein Gepäck geschmuggelt, als ich gerade am Flughafen Tegel ganzkörpergescant wurde.

Stockholm am Tag vor Heilig Abend war in den Spätnachmittagstunden beinahe völlig weihnachtsdekobefreit. Weder an Fenstern von Privatwohnungen noch an Schaufenstern ist mir auch nur eine Lichterkette, ein Weihnachtsmann oder ein geschmückter Tannenbaum aufgefallen. Addiert man also meine fehlende Weihnachtsstimmung mit dem fehlenden aus Deutschland gewohnten Weihnachtsgedöns , könnte für mich also auch gut der 19. Oktober sein oder der 13. November oder der 2. Februar.

Um 15 Uhr ging heute die Sonne unter und vor 9 Uhr kommt sie morgen nicht wieder. Das freut die Stromanbieter und bringt den Psychologen viele Kunden, denn auf die Dauer kann man von weniger als sechs Tageslichtstunden doch nur bekloppt werden.

Café 60 - StockholmSparsam mit dem Strom war der Betreiber des „Café 60“, das etwa fünf Gehminuten vom Hotel entfernt liegt. Zwei Teelichter waren die ganze Lichtquellenausbeute, die mir bei meinem Nachmittagssnack vergönnt waren. Das Tageslicht war bereits verschwunden und die Lampen in dem Café offenbar nur als Glühbirnenhalter da, weil kein Platz mehr im Keller war. Was mir alles auf meinem „Tex-Mex“-Teller aufgetischt wurde, erfuhr ich also erst vor einer halben Stunde, als ich mir das Blitzlichtfoto angeschaut habe, dass ich vom Essen gemacht hatte.

Manch einer wirft mir ja hier und da einen etwas übertriebenen Sparfetisch vor. Warum muss man Zahnstocher nach nur einem Mal benutzen wegwerfen, wenn es noch eine zweite spitze Seite gibt, die man beim nächsten Mal verwenden kann?

Jedenfalls begann die Reise ins teure Skandinavien in finanzieller Hinsicht recht erfreulich. Der Wechselkurs zwischen dem Euro und der Schwedischen Krone ist in den letzten drei Monaten um mehr als 10 Prozent zugunsten des Euros gestiegen. Damit bekommen die Supermarktpreise hier fast schon deutsches Niveau, sieht man von Alkoholika und anderen extrem teuren Waren mal ab.
Dann gab es heute während des Fluges kostenlose Getränke und Sandwiches. Ich glaube mich erinnern zu können, dass auf Billigflügen, so wie es die Route  Berlin – Stockholm auch eine ist, vor geraumer Zeit generell alle Waren und Dienstleistungen innerhalb des Flugzeugs Geld gekostet haben. (Correct me if I’m wrong)
Das war aber noch nicht alles. Denn in unserer Minibar Schrägstrich Kühlschrank standen vier Getränke-Flaschen. Normalerweise, auch hier lasse ich mich gern verbessern, kostet alles, was man aus der Minibar verzehrt, etwa das Dreifache des Ladenpreises. Nicht so hier, denn  auf einem kleinen Schild in der Minibar stand folgende gute Nachricht:

Varsågod, vi bjuder på dryckerna i minibaren.

In diesem Sinne, einen schönen Heilig Abend!

Dieser Beitrag wurde unter Ad-mini©, Berlin, Persönlich veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Stockholm – Tag 1

  1. Paul schreibt:

    Dir und dem Admini ebenfalls! Genießt Stockholm🙂

  2. abk schreibt:

    Frohes Fest!

  3. Thrillhouse schreibt:

    Frohes Fest aus dem verschneiten Berlin!🙂

  4. Scheff schreibt:

    Der Typ kann nich mal an Weihnachten und im Ausland das bloggen lassen …😉 Immer der GhostDog-Liveticker am Start.

  5. Ecki schreibt:

    Schöne Geschichte, ich hoffe Ihr hattet schöne Tage🙂

  6. Scheff schreibt:

    Man könnte denken der is immer noch in Sthlm … Staockholm Tag 1 … wann kommt Tag 2?

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