Mein unbekanntes neues Auto

Fortuna war letzte Woche mal wieder in der östlichen Berliner Innenstadt und hat auch bei mir vorbeigeschaut. Als Gastgeschenk hatte das römische Mädel eine Nachricht aus Thüringen dabei.

Dort hatte ein mir bekanntes Rentnerehepaar meine Klagelieder „Oh wehe mir mein Herr, bring mir ein Gefähr(t)“ und „Ohn‘ Automobil seh ich von der Welt nicht viel“ vernommen und an mich gedacht, als ihnen ein mir nicht bekanntes Rentnerehepaar eine Neuigkeit erzählte. Das mir nicht bekannte Rentnerehepaar hatte sich kurz zuvor dazu entschieden, die Taler unter der Matratze hervorzuholen und für die restlichen – mit Verlaub: es sind nicht viele – Lebensjahre ein neues Auto zu kaufen. Einen fabrikneuen VW Jetta. Das Auto, das sie bis zu diesem Zeitpunkt „fuhren“ (ich komme gleich auf die Anführungsstriche zurück), hatten sie vor exakt 17,5 Jahren fabrikneu gekauft und wie ein eigenes Kind bis zur Volljährigkeit geführt.

Ihr Kind ist ein Opel Kadett E, Baujahr 1991, in der Limousinen-Version, also mit Stufenheck. Das mir nicht bekannte Rentnerehepaar hatte das dunkelblaue und 60 PS schwache Auto im Februar 1991 neu gekauft und es bis heute penibel gehegt und gepflegt. In fast 18 Jahren haben sie den Garagenwagen ganze 60.000 Kilometer gefahren. Laut dem mir bekannten Rentnerehepaar sähe das Auto aus „wie neu“ und es seien keinerlei Rostspuren dran. Ebenfalls gäbe es keinerlei Defekte und diverse Verschleißteile wären erst vor kurzem ausgetauscht worden. Das Auto wurde auf die D3-Abgasnorm umgerüstet, so dass es eine grüne Feinstaubplakette erhielt. Schenkt man den alten Menschen also Glauben, steht dort in Thüringen ein volljähriges Auto, das aussieht, als wäre noch die Babyschmiere dran.

Noch komme ich nicht in Spiel.

Das mir nicht bekannte Rentnerehepaar wollte ihren Opel Kadett beim VW-Händler in Zahlung geben, jedoch war der Händler ihren Aussagen zufolge nur zu einem Deal bereit, der lautete: „Ihr gebt mir Euer Auto, aber Geld gebe ich Euch dafür nicht.“ Witzigerweise stimmte das mir nicht bekannte Rentnerehepaar diesem Deal letztendlich sogar zu, weil sie dem Herrn glaubten, dass das Auto keinen Wert mehr habe.

Das mir bekannte Rentnerehepaar lauschte der Erzählung gebannt und zählte Eins und Eins zusammen.

Und an dieser Stelle habe ich meinen Auftritt.

Ohne dem mir nicht bekannten Rentnerehepaar bescheid zu sagen, rief das mir bekannte Rentnerehepaar mich an, um mir die oben beschriebene Geschichte zu erzählen und mit der Pointe zu schließen, das mir nicht bekannte Rentnerehepaar könnte mir doch das Auto schenken. Wohlgemerkt: Die wussten davon aber noch nichts. Jedenfalls sagte ich erstmal artig danke, denn einem geschenkten Gaul Auto aus Thüringen kann ich als Berliner aus naheliegenden Gründen vorher nicht ins Maul unter die Motorhaube gucken.

Einen Tag später riefen sie mich wieder an und verkündeten freudig erregt, dass der Schenkung nun nichts mehr im Wege stehe, da auch die Schenkenden nun von diesem Plan erfahren hätten.

Kleiner Zeitsprung.

Der Opel steht immer noch in der thüringischen Kleinstadt, ich habe ihn also bis heute nicht selbst gesehen (und sprecht mal alte Leute auf Digitalfotos per Email an). Das mir bekannte Rentnerehepaar kam aber heute mit den entsprechenden Unterlagen nach Berlin, damit ich auf der Zulassungsstelle rechtmäßiger Eigentümer werde.

Die auf mich umgeschriebenen Fahrzeugschein und Fahrzeugbrief – EU-deutsch heissen sie Zulassungsbescheinigung Teil 1 und Zulassungsbescheinigung Teil2 – liegen jetzt also vor mir. Ich bin seit heute nachmittag stolzer Eigentümer eines 91er Opel Kadetts, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe.

Am Sonntag fahre ich nach Thüringen, um mein Auto abzuholen. Und wehe, wenn Fortuna dann nicht auch vor Ort ist.

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8 Antworten zu Mein unbekanntes neues Auto

  1. nolookpass schreibt:

    Vorsicht! Noch nie vom umgedrehten Enkeltrick gehört?

  2. donvanone schreibt:

    Nicht schlecht, bin gespannt, was du dir da hast schenken lassen…

  3. nabab schreibt:

    coole geschichte. und ein schicker wagen dazu. man muss nur oft genug in die in berlin reichlich vorhandenen hundexkremente treten, um mehrmals jährlich von fortuna einen besuch zu erhalten (ich erinnere mich noch dunkel an die chefvisite). na dann, toi toi toi im schönsten aller freistaaten😉

  4. Denis schreibt:

    Eigentlich gibt es beim Autokauf nicht besseres als einen Gebrauchten von einem Rentner zu ergattern und du bekommst ihn sogar noch geschenkt. Mal sehen was du da bekommen hast.

  5. Dan schreibt:

    mein aller erstes auto war auch solch ein kadett, hier mal meine erfahrungen:

    vorteile:
    -motor machte keine probleme und ist bei regelmässiger wartung (ölwechsel,zahnriemen,…) auch ziemlich langlebig… bei mir warns am ende 350 000km und da wär noch mehr drin gewesen, wenn mir nicht son vollidiot hinten reingefahren wäre
    -hat auch noch ne relativ simple technik, da könnte man noch selber dran schrauben
    -mehr fällt mir gerade nicht ein

    nachteile:
    -simple austattung, sprich fensterheber,klima,… gabs damals in der klasse noch nicht
    -KEINE SERVOLENKUNG … aber man gewöhnt sich nach 3 wochen hanteltraining auch daran…🙂
    -sehr rostanfällig, vor allem an den hintern radläufen…typische opelkrankheit
    -mehr fällt mir hier auch nicht ein…

    aber ich mein für geschenkt und wenn der wirklich in so einem guten zustand ist, kannste den noch locker ein paar jahre fahren…glückwunsch zu dem schnäppchen
    und wenn du dir zentralverriegelung mit fernbedienung einbauen willst, sag bescheid, ich helf dir basteln…🙂

  6. Ghost Dog schreibt:

    @dan: Das mit der Zentralverriegelung mit Fernbedienung kam mir ganz ohne Scheiss als erstes in den Sinn, als ich gehört habe, dass es ein Kadett ist. Dein gepimpter Kadett wird mir immer durch dieses abgefahrene Feature in Erinnerung bleiben.

  7. kbrause schreibt:

    ich bin neidisch. kennt dein dir bekanntes renterehepaar nicht noch ein paar garagenautobesitzer? und kadettmotoren sind bekanntermaßen unkaputtbar.

  8. Pingback: “Diese Rose am Arsch - äußerst knuffig.” « Die Straßen Von Berlin

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