Lost in Music

Giles Smith schreibt in seinem großartigen Buch „Lost in Music“:

Man geht gemeinhin davon aus, dass Popgruppen nicht wie Verwandte oder Fußballmannschaften sind. Man geht mit ihnen nicht durch dick und dünn. Meistens geht man mit ihnen durch dick mit der Vereinbarung, dass es dann, wenn’s dünn wird, völlig in Ordnung ist, sich aus dem Staub zu machen und Platten von jemand anderem zu kaufen.

Vor langer Zeit war ich mal großer Fan von Guns N‘ Roses. Durch Schulfreunde wurde ich darauf gebracht und schon nach kurzer Zeit gab es für mich kaum etwas anderes als Axl Rose, Slash, Duff, Izzy und Matt. Ich hatte alle Alben von ihnen auf Kassette (einen Plattenspieler oder CD-Player hatte ich damals noch nicht), konnte alle Texte auswendig und hörte die Tapes so lange, bis die Bänder durchsichtig waren. Als es 1993 ruhig um die Band wurde, sah ich mich schneller nach Alternativen um, als sich Slash seine Gitarre umhängen konnte.

Noch viel längere Zeit bin ich Fan von Bayern München. Als sie nur Vierter in der Bundesliga wurden, ist mir in dieser Zeit nie in den Sinn gekommen, lieber Werder-Bremen-Fan zu werden, weil sie dort schöneren Fußball spielen. Nach dem verlorenen Champions-League-Finale 1999 kam mir nicht einmal der Gedanke, mir ein Manchester-United-Trikot zu kaufen, weil dort die besseren Fußballer spielen. Erst recht nicht bin ich zum AC Mailand konvertiert, weil sie in den vergangenen Jahren die beste europäische Mannschaft waren.

Ich weiss nicht.

Ich fühle mich ziemlich unwohl, mein Leben als Musikfan und mein Leben als Fußballanhänger gegenüberzustellen. Ein Vergleich einer Band mit einer Fußballmannschaft hinkt doch mehr als Keyser Soze. Seltsam ist aber, dass ich dieses Unwohlsein nicht so richtig in Worte packen kann – eine eher blöde Situation, wenn man hier gerade einen Blogbeitrag schreibt.

Warum gehen jede Woche 15000 Leute zu Fortuna Düsseldorf, auch wenn die Mannschaft schon seit fast zehn Jahren aus dem Profifußball verschwunden ist? Warum muss die Band „Monrose“ aber Konzerte absagen, weil niemand mehr ihre Tickets kaufen will? Der Großteil der Fortuna-Fans wird die Bundesligazeit des Clubs nur noch vage in Erinnerung haben, während die (ehemaligen) Monrose-Fans leibhaftig bei der Entstehung der Band dabei waren und doch eigentlich eine viel emotionalere Bindung haben sollten?

Woher kommt das? Warum tingeln Bands wie „Sweet“ und „Slade“, zwei der erfolgreichsten Rock-Gruppen der Musikgeschichte, heutzutage nur noch von einer „Oldie-Nacht“ zur nächsten, während beim 1.FC Union Berlin, dem 1.FC Kaiserslautern, dem SV Waldhof Mannheim oder Dynamo Dresden trotz fehlender sportlicher Erfolge bei jedem Heimspiel das Stadion voll ist? Was hat der Fußball, das Musik nicht hat?

Giles Smith hat recht. Aber ich kann es mir verdammt nochmal nicht erklären, warum.

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3 Antworten zu Lost in Music

  1. HCL schreibt:

    naja, das hinkt schon.

    1) fussballvereine tauschen ihre spieler regelmässig aus. eine mannschaft aus breitner, netzer, beckenbauer und co würde, wenn sie die ganze zeit über zusammen gespielt hätten, heute auch über die dörfer tingeln.

    2) vereine haben einen ortsbezug: die 15.000 fortuna-fans kommen in der regel aus düsseldorf und umgebung. sie vertreten den ort nach aussen, d.h. gummersbach kennt keiner wegen seiner bands, aber wegen dem vfl.
    dadurch entsteht eine andere bindung.

    und er hat auch nicht recht:
    man geht auch mit bands durch dick und dünn, wenn der bezug nur eng genug ist. ich kenne leute, die seit 30 Jahren DTH-fans sind, und andere, die sich seit jahren für eher unbekannte bands begeistern, obwohl sie nie die kurve gekriegt haben. anderesrseits gibt es reichlich vereine, die nur ein paar Jahre lang richtig viele fans begeistern, und nach dem abstieg gerade mal noch 200 leute ziehen.

    es liegt an einer menge dinge, warum man etwas gut findet, und wie sich das für den einzelnen darstellt, ist unterschiedlich.

    durch dick und dünn sollte man aber wohl mit nix und niemandem ohne einschränkungen gehen, selbst bei verwandschaft.

  2. Nik schreibt:

    Ich denke es liegt daran, dass die meisten Fussballfans sich ihren Verein nicht aussuchen, und es beim Fussball auch nicht in erster Linie um das Produkt geht, das vermeintlich im Zentrum steht, sondern um viel mehr. Nicht umsonst sind die öffentlichen Protagonisten beim Fussball austauschbar (und werden ständig ausgetauscht), ohne dass die Identifikation des Fans leidet.
    Es geht um mehr, nämlich um ein Lebensgefühl, gewachsene Bindungen oft von Kindheit an, sehr oft um Freundschaften und natürlich auch um einen diffusen (oder sehr deutlichen) Lokalpatriotismus. [@HCL: Dass es beim Fussball allerdings nicht unbedingt um den Ortsbezug geht, beweist Herr Ghost Dog höchstselbst – und ich muss mir jetzt wirklich einen Seitenhieb auf die Fan-Struktur des FCB verkneifen. ;-)]
    Diese Bindung geht Musik-Acts oftmals ab. hier werden Trends gesetzt und ausgenutzt, die irgendwann auch wieder verschwinden – die Konstante fehlt. Zudem können sich die meisten Künstler nicht ständig wieder neu erfinden und so das Publikum fesseln. Die, denen das gelingt, haben auch über Jahre und Jahrzehnte eine treue Gefolgschaft (wie groß auch immer die ausfallen mag).

    Allerdings sehe ich auch, dass Smith‘ Aussage zunehmend an Richtigkeit verliert. Je mehr der Fussball zum Event wird, je mehr die Vereine darauf setzen, Zuschauer anzuziehen, statt Fans, um so mehr wird auch die Treue im Fußball schwinden. Die Leute, die heute in Hoppenheim auf der Tribüne sitzen, saßen gestern in Kaiserslautern, vorgestern in Mannheim und morgen bei Red Bull Heidelberg. Und wenn dann irgendwann doch mal Handball „in“ wird, zieht die Karawane weiter.

    Ergo: Was zum Produkt gemacht wird, wird austauschbar und von den „Fans“ schneller fallen gelassen, wenn der nächste Hype an um die Ecke biegt.

  3. Georg Krüger schreibt:

    Fussball ist Relegion – und vor allem Fussball ist auch ein stückweit Lokalpatriotismus und noch weiter. Fussballfan ist man nur von EINEM Verein und das für immer…
    Fussball ist ein sehr stabiles und etabliertes system, das nicht irgendwelchen trends ausgesetzt ist

    realtiv einfach eigentlich…🙂

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