Chef-Visite

Heute morgen, ich war noch keine Viertelstunde auf Arbeit, kam der Geschäftsführer ins Hotlinebüro. „Hallo Herr Ghost Dog, mit Ihnen möchte ich mal sprechen. In fünf Minuten in meinem Büro?“

Bam! Er war weg und ich saß völlig überrascht da.

Dann gingen die Fragen an mich selbst los: Führt er jetzt auch Mitarbeitergespräche mit den Studentischen Aushilfen? Hat er mitbekommen, wie ich letzte Woche privat fünf Seiten kopiert habe? Hat die IT meine Internet-Logs überprüft und festgestellt, dass ich in den Sommermonaten aus Mangel an Aufgaben mehr surfe als arbeite? Braucht er mein Feedback für irgendwas? Mag er meine neuen Adidas-Sneaker und will wissen woher ich die habe?* Soll ich seine Tochter zum Abschlussball begleiten? Fällt die Hotline dringend notwendigen Sparmaßnahmen zum Opfer und ich werde gekündigt?

Ich einigte mich dann mit mir darauf, dass es schon nichts schlimmes sei. Aber etwas Angst vor einer Kündigung hatte ich schon, weil sich das neueste PC-Spiel alles andere als gut verkauft hat, die Produktion bald eingestellt wird und der Hauptteil der Hotline-Arbeit in den vergangenen acht Monaten darin bestand, Kundenbeschwerden wegen des Spiels zu bearbeiten. Darüberhinaus läuft der Anmeldeprozeß auf unseren Webseiten bald halbautomatisch und ich muss dann nicht mehr Hunderte Anmeldungen per Hand überprüfen. Ohne diese Aufgabengebiete fallen pro Tag etwa vier Stunden Arbeit weg. Bei einer Gesamtarbeitszeit von etwa fünf Stunden täglich.

Ein paar Minuten später machte ich mich dann etwas nervös auf den Weg ins Büro. Der Geschäftsführer empfing mich mit Handschlag (Gutes Zeichen oder schlechtes Zeichen? Will er mich loben oder bemitleiden?). Wir setzten uns und er begann:

Er so: „Haben Sie schon erfahren, dass der Herr Ressortleiter Online das Unternehmen verlässt?“
Ich so: „Ja, wurde mir eben im Vorbeigehen erzählt.“
Er so: „Ich bedaure das natürlich sehr, aber er hat offenbar eine neue anspruchsvolle Aufgabe gefunden, die er Mitte August beginnen wird. Die Stelle werden wir zu gegebener Zeit neu besetzen, aber wir wollen uns da zeitlich nicht unter Druck setzen. [Pause.] Und jetzt kommen Sie ins Spiel.“
Ich so: „…“
Er so: „Meine Mitarbeiter und ich sehen schon länger, dass Sie einen exzellenten Job hier machen. Und im Gespräch mit Herrn Ressortleiter Online eben hat er mir das auch noch einmal bestätigt. Darum wollte ich Sie fragen, ob Sie Zeit und Lust haben, vorübergehend die Aufgaben von Herrn Ressortleister Online mit zu übernehmen?“
Ich so (mir ein debiles Grinsen krampfhaft verkneifend): „Das klingt sehr interessant. Ich kann Ihnen aber erst nach einem Blick in meinen Terminkalender genau sagen, wie viel Zeit ich habe.“
Er so: „Über den zeitlichen Aufwand können Sie dann mit Herrn Ressortleiter Online sprechen. Sie können doch sicher zur Not auch ein paar Arbeitstermine in der Hotline an die Kolleginnen delegieren, damit Sie mehr Zeit für den Onlinebereich haben.“
Ich so: „Natürlich. Ich spreche mich mit den Kollegen ab, wie viele Stunden pro Woche ich benötigt werde und anhand dessen koordiniere ich meine Arbeitszeit dann.“
Er so: „Super. Also nehmen Sie das Angebot an?“
Ich so: „Selbstverständlich. Ich traue mir die Aufgabe zu und freue mich sehr darauf.“
Er so: „Sehr schön. Wenn Sie sich dann im Onlinebereich eingearbeitet haben, reden wir dann auch über eine Gehaltserhöhung, das ist klar. Und wenn Sie Ihre Aufgabe dort abgeschlossen haben, erhalten Sie natürlich auch ein detailliertes und ausformuliertes Arbeitszeugnis mit allen Aufgaben, die Sie in der Zeit übernommen haben. Das ist dann für Sie ein exzellenter erster Schritt für ihre erste Tätigkeit nach dem Studium.“

Ich hätte an dieser Stelle natürlich intervenieren und ihm sagen können, dass ich schon gar nicht mehr weiss, wie man „Universität“ überhaupt buchstabiert und ich schon seit Monaten plane, mich in seinem Unternehmen als BA-Student zu bewerben. Aber diesen Teil hebe ich mir für den Zeitpunkt auf, an dem ich meinen temporären Posten als Ressortleiter Online (!!!) wieder abgebe und meine Aufgabenbereiche hoffentlich zufriedenstellend erfüllt habe.

Auch mit zehn Stunden Abstand ist das Geschehene für mich noch gar nicht richtig zu fassen: Das große Unternehmen verliert einen Leitenden Angestellten und sucht sich als temporären Ersatz eine Studentische Aushilfe aus, um die Aufgaben des scheidenden Angestellten zu übernehmen (also das komplette Online-Ressort mit sechs Webseiten, Communities, Chats, usw.). Ich als Ungelernter wurde ausgewählt, einen hochanspruchsvollen Job mit jeder Menge Verantwortung zu machen.

Ende der Woche setze ich mich erstmal mit dem Ressortleiter und seinen beiden Mitarbeitern zusammen, um den zeitlichen Rahmen, die Aufgabengebiete und erste Einweisungen durchzugehen. Und vielleicht schon ab nächster oder übernächster Woche sitze ich dann auf einem schicken Chefsessel.

Bam!

*Aus NYC importiert. Gibt es nicht in Deutschland zu kaufen, Baby!

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11 Antworten zu Chef-Visite

  1. Thrillhouse schreibt:

    Also erstmal herzlichsten Glückwunsch dazu.
    Aber hast Du ernsthaft je daran gezweifelt, mittelfristig den Laden zu übernehmen?

  2. Paul schreibt:

    Gratuliere, auch hier nocheinmal🙂

  3. Nabab schreibt:

    Gratulation! Ist doch sicher ein sehr gutes Gefühl als Bettvorleger zu springen und als Tiger zu landen.

  4. ckwon schreibt:

    Uiuiui,

    herzlichen Glückwunsch sag ich da mal!

  5. Georg Krüger schreibt:

    hehe – hatte dir ja schon über twitter gratuliert. tu das das aber hiermit nochmal🙂 alles gute

    ressortleiter heißt aber auch weniger zeit für „dugehstniemalsallein“🙂

  6. kbrause schreibt:

    vielleicht wollen sie auch nur testen, ob du für den posten geeignet bist und stellen dich dann fest ein🙂

  7. M@rtin schreibt:

    Gratulation – Qualität setzt sich durch😉 .

  8. hirngabel schreibt:

    Immer diese Online-Medien. Da setzen die mal wieder irgendwelche Studenten in verantwortliche Positionen. Kein Wunder, dass das nie was wird mit diesem Internetz…

    PS: Natürlich auch von mir herzlichen Glückwunsch. =)

  9. gumpen schreibt:

    na mensch da kann dir ja wegen surferei keiner mehr ans bein pissen— ausser du dir vielleicht selbst.

  10. René schreibt:

    Generation Praktikum kann man da nur sagen …

    trotzdem Glückwunsch😉

  11. Pingback: Hotlinespaß #61: Die Themenvorschläge der Kinder « Die Straßen Von Berlin

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