Ein Corolla für Afrika

Mein geliebter Toyota Corolla E9 Liftback さようなら。- Sayounara.

Heute musste ich mich schweren Herzens von meinem mir ans Herz gewachsenen Auto verabschieden.

Etwa vier Jahre lang waren wir ein Herz und ein Auto. Wie auch meinen Vorbesitzern hat es mir nie auch nur die geringsten Sorgen bereitet. Keine plötzlichen Defekte, keine Macken, keine Probleme. Nur die üblichen Reparaturen, die ein Auto, das bald volljährig wird, über sich ergehen lassen muss.

Leider kamen die üblichen Reparaturen in letzter Zeit aber immer häufiger und teurer daher. Der TÜV wäre im Juli fällig gewesen und ein Kostenvoranschlag eines befreundeten Automechanikers deutete an, dass ich eine vierstellige Summe hätte investieren müssen, um eine neue Plakette zu erhalten. Lichtmaschine, Wasserpumpe, Bremsflüssigkeit – um nur mal drei der nötigen Reparaturen aufzuzählen. Da mein Budget aber im zweistelligen Bereich angesiedelt ist, musste ich die Reißleine ziehen.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als mein Auto heute mittag den Aasgeiern zum Fraß vorzuwerfen bei einem bekannten Autoportal zu inserieren. Das Registrieren, Schreiben und Hochladen des Verkaufsangebots dauerte etwa eine halbe Stunde. Ich hoffte, dass in den nächsten Tagen der eine oder andere Interessent anruft, um sich das Auto anzuschauen.

Aber es kam völlig anders.

Gefühlt etwa eine Sekunde, bevor ich das Inserat durch Betätigen des „Absenden“-Buttons veröffentlichte, klingelte zum ersten Mal das Telefon. Nicht im Traum daran denkend, dass schon der erste südosteuropäisch-vorderasiatische Autohändler anrufen könnte, nahm ich ab. „Hallo“ kam es aus der Leitung, „ich rufe an wegen Corolla. Ist noch da?“ Völlig fassungslos, wie schnell dieser Typ es geschafft haben muss, das Inserat zu öffnen, durchzulesen, meine Nummer zu finden und mich anzurufen, stotterte ich ihm erstmal ein „Äh, einen Moment bitte mal…“ entgegen. Während ich das sagte, klopfte bereits mindestens ein weiterer Anrufer an. Ich war für wenige Momente komplett überfordert.

Der Anrufer wollte dann – welch Überraschung – von mir nochmal die Details wissen, die ich eigentlich bereits in das Inserat geschrieben hatte. Und darum antwortete ich ihm auch etwas pampig, dass er das doch selbst nachlesen könne. (Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass von den Leuten, die mich noch anrufen sollten, nicht ein einziger auch nur ein Wort des Inserats gelesen hatte.) Er versuchte den angegebenen Preis um 100 Euro zu drücken und gab mir seine Mobilnummer, an die ich meine Adresse schicken sollte, damit er „so schnell wie möglich“ kommen und das Geschäft abschließen könnte. Er wollte – auch diese Aufforderung sollte ich noch öfter hören -, dass ich das Inserat gleich wieder rausnehme und ihm das Auto für eine Stunde reserviere. Ich notierte seine Nummer unter dem ständigen Piepen des Anklopfgeräuschs und legte auf. Nichtmal zwei Sekunden später klingelte es wieder…

Bei den nächsten Anrufern war ich dann nicht mehr ganz so unvorbereitet und überrumpelt. Denn jedes Mal sagten sie die gleichen Sprüche auf: „Ich rufe an wegen Corolla. Ist noch da?“, „Hat das Auto Schaden?“, „Ich komme schnell, wo Sie wohnen?“, „Bitte reservieren das Auto für mich eine Stunde“, „Die anderen Händler sind alle Mafia, nehmen Sie Auto am besten gleich von der Seite runter und heben Sie nicht mehr das Telefon ab!“ und „Was soll es kosten? Ist das der Endpreis?“.

So führte ich in den ersten etwa drei Minuten vier Gespräche; alle die komplette Zeit mit dem Anklopfton meines Telefons unterlegt. Es war so, als hätte RTL während „DSDS“ versehentlich meine Telefonnummer veröffentlicht und etwa eine Million Leute rief nun an, um die Preisfrage: „Wie heißt Dieter Bohlen mit Nachnamen?“ zu beantworten.

Der fünfte Anrufer sollte dann letztendlich der Käufer werden. Er sagte wieder die gleichen Sprüche auf, wollte das Auto reserviert haben und den Preis runterhandeln. Ich blieb aber hart und sagte ihm, dass er den geforderten Preis zahlen müsse, weil ich ansonsten einem seiner „Kollegen“ den Zuschlag gebe. Er stimmte recht schnell zu, ließ sich meine Adresse geben (ich sagte ihm zur Sicherheit eine Adresse schräg gegenüber) und er meinte, dass er in einer halben Stunde da sei.

Da ich absolut ahnungslos war, dass jeder türkische, arabische und sonstige Autoverschieberhändler Berlins so scharf auf mein Auto ist, war ich natürlich auch nicht auf einen Verkauf eine halbe Stunde nach Onlinestellen des Angebots vorbereitet. Ich ließ also mein klingelndes Telefon in der Wohnung liegen und sprintete schnell zum Auto, um alle Gegenstände und den Müll herauszuholen: Kindersitz, Tankquittungen, Einkaufschips, Stadtpläne, alte Pommes, Handschuhe, Kleingeld, Zettel. Was halt so in einem Auto mitfährt. Danach rannte ich wieder hoch, rief meinen Bruder an, um in einem eventuellen Konfliktfall jemanden zum Verprügelt werden vorschicken zu können. Mein Telefon zeigte mir eine Viertelstunde nach Angebotseinstellung mehr als 30 Anrufe in Abwesenheit an. Und es klingelte. Und klingelte. Und klingelte.

Der Ad-mini kam zwischenzeitlich auch noch ins Spiel, obwohl er seelenruhig im Bett schlummerte. Der Fahrzeugbrief befand sich nämlich in einer abschließbaren Kommode. Mit dem Schlüssel dieser Kommode hat er so oft gespielt, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er den Schlüssel abbricht. Also versteckte ich ihn, vergaß aber, mir zu merken, wo ich ihn hingelegt hatte. Nach weiteren zehn Minuten fand ich ihn dann endlich und konnte die Unterlagen komplettieren.

Ich druckte und füllte mir noch schnell einen Kaufvertrag aus. Dann ging ich runter zum Auto, um noch einmal alles zu checken, schnell etwas Staub wegzuwischen und auf den Käufer zu warten. Der kam dann auch ein paar Minuten später. Überraschend allein und nicht mit schlagkräftigen Freunden.

Er schaute einmal schräg am Auto vorbei (damit will ich sagen, dass es ihm anscheinend total egal war, wie der Lack aussieht, wo Beulen sind, was für Kratzer das Auto hat, usw.) und blickte dann sorgenvoll auf das Glashubdach, das vor etwa zehn Jahren nachträglich eingebaut wurde. Er sagte: „Das ist nicht Standard, oder? Das Glasdach kann ich nicht gebrauchen. Das Auto wird nach Afrika geschickt, da scheint jeden Tag die Sonne. Die brauchen kein Glasdach. Das ist schlecht.“ Und ich sagte ihm, dass er diese Information sowohl im Inseratstext, als auch auf dem eingestellten Foto bereits erhalten hatte.

Dann startete er den Motor. Da die Wasserpumpe ausgetauscht werden muss, läuft das Auto etwas kratzig und lauter als normal. Er schaute überrascht und ich erklärte, dass ihm auch diese Tatsache bereits bekannt sein sollte, da ich es ihm sowohl am Telefon, als auch im Inserat deutlich mitgeteilt hätte. Die Diskussion darüber dauerte ein paar Minuten.

Und selbstverständlich wollte er den vereinbarten Preis dann wegen der genannten Dinge drücken. Auch diese Diskussion erstreckte sich noch einmal über mehrere Minuten, bis wir dann letztendlich eine Einigung erzielen konnten, mit der ich gut leben kann. Der Preis liegt bei knapp 90 Prozent des geforderten Betrags und das Geschäft wurde noch auf der Straße abgewickelt. Ich trug die letzten Details in die Kaufverträge ein, übergab ihm die Schlüssel, die Zulassung und den Fahrzeugbrief. Er drückte mir im Gegenzug jede Menge Geldscheine in die Hand.

Da der Käufer allein und mit seinem eigenen Auto angereist war, parkte ich mein mittlerweile ehemaliges Auto noch schnell um. Dann verabschiedete ich mich kurz und schmerzlos von meinem treuen Weggefährten.

どうもありがとうございます。- Doumo arigatou gozaimasu.

Dieser Beitrag wurde unter Ad-mini©, Berlin, Persönlich veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Ein Corolla für Afrika

  1. Thrillhouse schreibt:

    Och wie traurig.

    Wie heißt denn Dein neuer Begleiter?

  2. Ghost Dog schreibt:

    Ich habe eine ganze Familie von Begleitern. Die Vornamen lauten: S., U. und Straßen. Der Nachname ist „Bahn“. Außerdem kann ich noch bis Mitte Juli kostenlos Autos mieten. Was danach kommt, steht noch in den Sternen.

  3. Gilly schreibt:

    Das mit den Anrufen habe ich auch schon durch. Habe vor 2 Jahren einen Opel Astra Kombi (in einem wirklich beschissenenen Zustand) verkauft. Das Auto fährt jetzt Wasserflaschen in Zimbabwe laut Käufer.

    BTW, gibt es Software, die direkt nach einstellen eines neuen Fahrzeugs Alarm schlägt und die wichtigsten Daten aufbereitet. Dafür gibt es vermutlich eine API Schnittstelle bei den großen Autohändlern im Internet.

  4. Ghost Dog schreibt:

    @Gilly: Die müssen mit genau so einer Software arbeiten. Anders kann ich es mir nicht erklären, wie sekundenschnell die angerufen haben. Nichtmal mit RSS kann man so schnell sein.

  5. Birk schreibt:

    das so schnell jemand angerufen hat heißt, das du zu billig angefangen hast. Die software schaut naemlich nur nach Preis/leistung. Deswegen kann leider Ottonormalverbraucher auch kein günstiges Auto im internet erwerben, weil die alle immer sofort weg sind. Und du hast gesehn, was sofort heißt. Zum Glück arbeiten die renomierten Portale wohl schon an Gegenmaßnahmen gegen solche software weil das nich so geschaetzfördernd ist.

  6. trabifant schreibt:

    Auto vorher abgemeldet? Kann manchmal noch Überraschungen geben, wenn nicht.

  7. Ghost Dog schreibt:

    Das Auto wurde heute abgemeldet. Als ich vorhin nach hause gekommen bin, stand es noch da, wo ich es gestern eingeparkt habe. Theoretisch könnte ich mir jetzt den Spaß erlauben, den dritten Schlüssel zu holen (der nicht zuhause liegt und von dem ich vergessen hatte, dass es ihn gibt) und noch ne Ehrenrunde mit dem Auto zurückzulegen.

  8. Scheff schreibt:

    Tja was soll ich sagen, Glückwunsch oder mein Beileid? Hab das mal in ner doku im TV gesehen dass die alle mit so ner Software arbeiten die sich ständig mit den Portalen aktualisiert. echt ne Schweinerei.

    Auf mich kommt sowas demnächst auch noch zu, muss meine Karre vor Ende des Jahres loswerden. Hat sogar noch TÜV bis April 2009. Habe schon vorsichtshalber die ganzen Zettel gesammelt die immer in den Autoscheiben stecken😉 50 Stück oder so hab ich, mal gucken wie das looft.

    aber verscherbeln die die Dinger wirklich nach Afrika?

  9. René schreibt:

    Was lernen wir aus der Geschichte?

    Nach dem reinstellen des Autos erst einmal das Handy ausschalten.

    Bei einem Verkauf sollte man den Zusatz „an Meistbietenden“ reinschreiben.

    Einen Anrufbeantworter mit künstlicher Intelligenz zwischenschalten, der die ersten drei Fragen analysiert und wenn sie vom Standard abweichen, dann wirklich durchstellen.

  10. trabifant schreibt:

    @scheff: Unheimlich viele Autos gehen auch in den Irak oder Iran. Die werden zu hunderten in Frachtschiff gesteckt (egal welcher Zustand) und dann für einiges mehr wieder verkauft. Umweltfreundlich ist das nicht grad, aber bei mangelnden Einnahmequellen nachvollziehbar.

  11. M@rtin schreibt:

    Laut AGB darf diese Software nicht verwendet werden – offensichtlich prüft’s aber keiner wirklich nach.

  12. Denis schreibt:

    War bei meinem Alten nicht anders. Ich hab aber nicht irgendwo inseriert sondern 2 Zettel ins Auto gehangen das er zu verkaufen sei. Die Zettel hingen nichtmal eine halbe Stunde (das Auto wurde noch nichtmal bewegt, quasi als Werbefahrt, damit jeder die Zettel sieht) und schon stand ein Auto in unserer Einfahrt mit Berliner Kennzeichen (ich wohne ca. 120km von Berlin entfernt).
    Als ich das Auto entdeckte klingelte sofort das Telefon und ich wurde gefragt was am Preis zu machen sei. Ich meinte nur: „Nichts! So wie es auf dem Zettel steht oder garnicht.“ Der Gute schaute sich das Auto von seinem Fahrersitz aus noch eine Weile an und verschwand dann. Im Laufe des Tages hab ich dann unzählige Anrufe von polnischen Mitbürgern bekommen die aber durch die Bank weg alle den Preis drücken wollten. Letztendlich blieb das Auto in meinem Wohnort und ein Kollege fährt jetzt damit durch die Gegend.

  13. Birk schreibt:

    @ Scheff: Deine Karre geht nich nach Afrika. Die nehm da nur Reiskocher! Alte deutsche Karre gehen eher in die Ukraine und der andere Ostblockkram. Die Wissen halt noch was deutsche wertarbeit ist hehe

  14. Manu schreibt:

    Wenn jemand zufällig einen dunkelblauen VW Passat Kombi, Karosserie B4, Baujahr 1996 verscherbelt hat – den fahren jetzt wir. In Moskau und Umgebung.

  15. Pingback: News » ALLEについて

  16. jenne schreibt:

    hi hi, ich stehe vor genau dem selben Problem und muss mich auch von meinem Corolla e9 trennen.
    Mich würde mal interessieren was Du angesetzt hast und was letztendlich rauskam.
    Schließlich will ich ihn ja nicht unter Preis an die Wachulken abgeben.
    Jenne

  17. Ghost Dog schreibt:

    600 € standen im Inserat. 520 € sind in die Dispoentsorgung gegangen.

  18. Pingback: TesTariTis» Blogarchiv » Abgebloggt…

  19. Avakian schreibt:

    Nur zur Info,

    Diese Thematik hatte schon mal „Extra“ bei RTL. Es gibt tatsächlich Software, die diese Infos abgreift und verarbeitet. Habe auf die schnelle nur „autobingooo“ gefunden. Kann man sogar kostenlos testen. Als normaler privater Autokäufer wird man also im Netz kaum ein Schnäppchen machen können.

    Avakian

  20. Pingback: Betrug beim Autokauf « Die Straßen Von Berlin

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