Death by Grandma

Heute in der S-Bahn habe ich gegen Windmühlen gekämpft. Es waren drei. Alle weiblich, mindestens 60, lockengewickelte Haare und beige Kleidung.

In den Nachkriegsjahren muss es in Deutschland sehr windig gewesen sein. Und es kann kein normaler Wind gewesen sein. Dieser Wind muss Menschen millionenfach getötet oder zumindest ein qualvolles Schicksal beschert haben.

Anders kann ich es mir nicht erklären, dass vor allem ältere Frauen eine Todesangst vor Zugluft haben und lieber an Sauerstoffmangel und Dehydrierung zugrunde gehen, als sich hereinströmendem Wind auszusetzen, der durch ihre toupierten Haare weht.

Sobald diese Frauen in einer Bahn auch nur den leisesten Verdacht hegen, ein geöffnetes Fenster könnte sich bewegende Luft in den Wagen bringen, sehen sie es als ihre Vaterlandspflicht an, dieses Fenster, koste es was es wolle, zu schließen. Ganz unter dem Motto: Es sind schon viele Menschen erfroren, aber erstunken ist noch keiner. Diese Manie gipfelt dann an warmen Sommertagen in regelrechte Genozidversuche, wenn ganze Wagen voller Reisender einem qualvollen Erstickungstod ins Auge blicken, weil eine vereinzelte alte Frau Angst davor hat, dass es zieht.

Ich stieg heute vormittag in der Prenzlauer Allee in die S-Bahn. (Ich setze mich immer in die Wagen-Abteile, die die Bahn ursprünglich mal als 1.-Klasse-Sitze vorgesehen hatte. Dort ist es nicht so eng.) Mit Freude nahm ich zur Kenntnis, dass zumindest eines der beiden Fenster angeklappt war und ein wenig frische Luft den etwa 30 °C warmen und nicht angenehm riechenden Wagen erträglich machte. Doch meine Freude hielt nur kurz an. Ein paar Sekunden nach mir stieg die erste Windmühle ein, suchte sich ebenfalls einen Platz in „meiner Ecke“ und knallte als erste Amtshandlung erstmal das Fenster zu.

Eine Station später wurde auf der in Fahrtrichtung rechten Seite ein Platz frei, den die alte Windmühle offenbar schöner fand. Sie setzte sich also von links nach rechts, was ich zum Anlass nahm, zwei Mitreisende auf meiner linken Seite zu fragen, ob sie etwas dagegen hätten, wenn ich das Fenster wieder öffne. Mit einer Geste, als hätte ich ihnen gerade die geheime Formel für ein ewiges Leben geschenkt, stimmten sie zu und ich klappte das Fenster wieder an. Noch bevor ich mich wieder hingesetzt hatte, nahm sich die alte Windmühle ihren Baumwollbeutel und suchte sich einen neuen Platz am anderen Ende des Wagens.

Das Glück sollte mir nur bis zur Landsberger Allee treu bleiben. Denn die Mitreisenden stiegen aus und ich bekam eine neue Windmühle vorgesetzt, die – Ihr ahnt es bereits – noch vor dem Hinsetzen das Fenster schloss. Ganze drei Stationen lang transpirierte und vegetierte ich windlos in der heißen und sauerstoffarmen Bahn, bis Windmühle Nummer 2 am Ostkreuz endlich ausstieg. Noch bevor sie den Wagen verlassen hatte, hangelte ich mich mit letzter Kraft zum Fenster, um neues Leben in dieses fahrende Krematorium wehen zu lassen und schaffte es kurz vor dem Erstickungstod, das Fenster wieder anzuklappen.

Noch am gleichen Bahnhof stieg Windmühle Nummer 3 ein.

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12 Antworten zu Death by Grandma

  1. Gilly schreibt:

    Schön beschrieben… Gott sei Dank muss ich seit heute nicht mehr mit der S-Bahn zur Arbeit fahren😀

  2. Georg Krüger schreibt:

    du hättst zu demonstartionszwecken einfachmal die kompleet scheibe mit son hammerchen einschalgen sollen. damit die mal merken was zugluft bzw. ein luftzug ist.

  3. M@rtin schreibt:

    Ganz ehrlich, ich bin mit Sicherheit nicht rücksichtslos, aber nachdem die Dame das Fenster ohne zu fragen zugemacht hatte, hätte ich es mit einem gezielten Kommentar wieder geöffnet.

  4. Thrillhouse schreibt:

    Im Artikel „moving air causes death“ (kann den link nicht mehr finden) hat sich der Auto des Blogs „Nothing For UnGood“ kürzlich darüber lustig gemacht, dass man in Deutschland die Zug-Krankheit erfunden hat.
    Es kennt wohl kein anderes Land auf der Welt diese Krankheit.

  5. S-Abf schreibt:

    Ich will jetzt hier niemanden verteidigen oder in Schutz nehmen, denn mich nervt es auch immer gewaltig…

    Ältere Menschen haben ein extrem anderes subjektives Temperaturempfinden als wir jungen Leute (ich sag mal so „diesseits der 40“). Das erklärt auch, dass mit zunehmendem Alter tendenziell mehr Leute immer dickere Sachen anhaben, auch wenn die Temperaturen – wie momentan – eher tropisch anmuten. Ist für mich zwar auch ein Grund, warum (in Verbindung mit vermindertem Durstgefühl im Alter) mit jedem Grad Kelvin ab 25 Grad Celsius die Todesfälle der Älteren durch beispielsweise Dehydrierung oder Hitzschlag exponentiell anzusteigen scheinen. Aber warme Temperaturen halten eben viele nicht davon ab, auch warme Klamotten anzuziehen.

    Hinzu kommt noch das schwindende Immunsystem, so dass auch sehr leichte, kaum wahrnehmbare Luftzüge zu einer Bindehaut-, Mittelohr- oder gar Lungenentzündung führen können. Ich selbst hatte mal ganz fiese und vor allem langanhaltende Kopfschmerzen, weil im Auto die Klimaanlage schlecht eingestellt war, sodass sich ein eigentlich angenehmer Wind im Nacken als ganz böse entpuppte.

    Und vorhin in der Straßenbahn musste ich noch eine schlechte Erfahrung mit eigentlich gut gemeintem und als ebenso empfundenen Luftzug machen: Ich bin Allergiker und mein rechtes Auge tränte, wodurch mir von hinten ein leichtes wehendes Lüftchen ein ganz fieses Gefühl bescherte. Ich hätte zwar ebenso einige Fenster schließen und damit aber auch die eigentlich ganz angenehme Innenraumluft und -temperatur zunichte machen können (was für den Luftzug nicht hätte gelten müssen), aber ich tat dann lieber die Augen zu, lauschte meinem Walkman und hielt ein Nickerchen🙂.

  6. hermannw schreibt:

    Sehe das wie M@rtin. Bei den derzeitigen Temperaturen hätte diese Handlungsweise eine Diskussion mit mir ausgelöst, mit dem Ergebnis – Fenster offen. Habe ja im Altenheim gearbeitet und weiß, daß es manchmal schwierig ist mit Argumenten gegen zelebralvaskuläre Insuffiziens vorzugehen, aber wenn man im Recht ist, muß man sich durchsetzen, damit Oma auch mal sieht, daß sie sich nicht alles erlauben kann, nur weil sie alt ist. Sonst werden die Leute immer unausstehlicher.

  7. kbrause schreibt:

    kein erbarmen mit der nazi-generation!

  8. M@rtin schreibt:

    Wenn die Dame wenigstens gefragt hätte, dann hätte ich mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,5 das Fenster geschlossen. Auf Grund der Dreistigkeit der Dame, wie gesagt, hätte ich es wieder aufgemacht.

    @S-Abf
    Dein alter Nick war besser😉 . Du hast das gemacht, was die Dame hätte machen sollen: sich dem Allgemeinwohl beugen.

  9. S-Abf schreibt:

    Ich seh das ja auch so, dass sie wenigstens mal hätte fragen können. Und die andere. Und die letzte auch noch. Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht😉

    M@rtin: nee, der wurde mir langweilig😀 und so lang isser auch noch😉

  10. Severnaya schreibt:

    Schön das hier zu lesen, dachte schon das geht nur mir so. Nachdem ich auch das halbe Abteil gefragt habe, ob man ich das Fenster aufmachen könne, kam es wie bei dir. Nächste Station steigt solch eine Windmühle ein und nachdem die S-Bahn ungefähr fünf Sekunden gefahren ist, klappte sie das Fenster ab und die andere Gäste warfen mir einen fragenden Blick zu, was ich wohl machen würde, ich belies es dabei und machte die Augen zu.

  11. Kittyluka schreibt:

    Mal davon ausgehend, dass „Vormittag“ = „Nach dem Berufsverkehr“, also eine halbwegs freie Bahn bedeutet und so schwer es auch fällt aber gegen eine alte Dame kann man nur verlieren, daher setz ich mich dann immer schon von allein weg, wenn es möglich ist.

    Manchmal mach ich aber auch das Fenster einfach wieder auf, wie beschrieben fahren ältere Menschen eh nur 2-3 Stationen.

    Die erste-Klasse-Abteile möchte die Bahn übrigens wieder abschaffen, weil sich dort häufiger randalierende Jugendliche hinsetzen, als in dem Rest der S-Bahn…. ja, das hab ich mir auch gedacht.

  12. romanmoeller schreibt:

    Das lässt sich auch auf andere Bereiche ausdehnen – welche Personenkreis ist bekannt dafür, Sitzplätze zu besetzen und sich vorzudrängeln? Richtig, die Jugend. Komischerweise erlebe ich das dann aber nur bei alten Omis (die nicht selten auch toupiert sind!) …

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