„Und was machst Du so?“

Es war in den letzten Jahren schon etwas kompliziert, meinen Status in der Gesellschaft so zu erklären, dass ich nicht einen Ruf als veritabler Nichtsnutz angeheftet bekomme.

Ich studiere mittlerweile im 18. Semester.

Falsch formuliert.

Ich melde mich jedes Semester zurück, zahle brav meine Gebühren und erhalte mein Semesterticket – und das nun schon 18 mal. Das letzte Mal einen Kurs habe ich vor etwa drei Jahren besucht. Das war in dem Semester, als ich für ein halbes Jahr wieder zu meinen Eltern gezogen war. Seitdem fallen mir mit steter Regelmäßigkeit mehr oder weniger gute Ausreden in den Schoß, mit dem ich den Fakt kaschieren kann, dass ich schlicht und ergreifend keinen Bock mehr auf mein BWL-Studium an einer Universität habe.

Zentral geht es seit drei Jahren um zwei Dinge, die dafür herhalten müssen, dass ich manchmal nicht mal mehr weiss, an welcher Universität ich eigentlich immatrikuliert bin. Nummer Eins ist die hanebüchende Organisation meiner Uni, die es mir nicht allzu schwer gemacht hat, auch noch das letzte Fünkchen Motivation in der Mensa abzugeben. Und Nummer Zwei ist das Geld. Kein Hackepeter ohne Geld, kein Geld ohne Job.

Mit einem Praktikum ging es los. Ich war zwar nur drei Tage die Woche dort, aber wie soll es sich denn lohnen, an den anderen zwei Tagen in die Uni zu gehen? Besonders, wenn es sich um den Montag und Freitag handelt. Der gleiche Praktikumsjob hieß im darauffolgenden Semester dann Studentische Nebentätigkeit und lief über die gleichen drei Tage in der Woche. Mitte 2006 wurde ich Vater. Da blieb vielleicht noch Zeit, im neuen Job ein paar Stunden pro Woche in der Galerie zu sitzen und chaotische Zustände zu verwalten. Und weil das Geld hinten und vorn nicht reichte, musste sogar zwischenzeitlich ein zweiter Job her. An Uni war da einfach nicht zu denken.

Seit Ende 2006 bin ich also in der Hotline tätig. Da ich dort keine festen Arbeitszeiten habe, lässt sich das erst recht nicht mit der Uni vereinbaren. Und schon gar nicht, wenn ich in der restlichen Zeit für den Ad-mini da sein muss. Und selbstverständlich auch da sein will.

Kurzum: Ich konnte in den letzten Jahren immer wieder neue Gründe dafür finden, einen großen Bogen um mein Studium zu machen. Wenn die Familie oder Freunde fragten, wann ich endlich mal fertig bin, hatte ich darauf keine ehrliche Antwort, aber mit einer beliebigen Jahresangabe zwischen 1 und 3 konnte ich bisher jedes unangenehmes Nachbohren kontern.

Nüchtern betrachtet bin ich ein Student im 18. Semester, der noch nicht einmal sein Grundstudium komplettiert hat. Das macht sich in Gesprächen nicht gut, löst keine Jubelschreie im sozialen Umfeld aus und wird mir und meinem übersteigerten Selbstbewusstsein nicht gerecht.

Dass ich nichts richtig perfekt, aber dafür alles andere so gut kann, um bei den noch Ahnungsloseren stets einen begeisterten Eindruck zu hinterlassen, hat mich letztendlich auch in meiner Funktion als mein eigener Pressesprecher gerettet.

Denn wie Ihr alle wisst, habe ich vor ein paar Monaten mein kleines Gewerbe für alles und nichts, aber ganz im Speziellen für dieses und jenes, gegründet.

Und – mein Gott – tut das gut. Also jetzt nicht unbedingt das gewerbetreibend sein, denn das bereitet mir aufgrund der vielen Projekte regelmäßig schlaflose Nächte (denn tagsüber habe ich ja weiterhin die Hotline und einen quietschfidelen Ad-mini zu betreuen). Nein, es tut einfach gut, wenn man in einem Gespräch auf ein „Und was machst Du so?“ fröhlich und mit stolz geschwellter Brust sagen kann: „Ich bin selbständig“.

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8 Antworten zu „Und was machst Du so?“

  1. abk schreibt:

    latte, selbst mit abschluss iss och nich so einfach!

  2. M@rtin schreibt:

    Korrekt – völlig egal, wie lange du studierst oder auch nicht. Es ist doch dein Leben und so wie ich das verstehe, dann liegst du niemandem auf der Tasche. Die Beweggründe für diesen Weg sind durchaus nachvollziehbar.

  3. Scheff schreibt:

    Hauptsache et bringt jenuch Moos ein um den Admini und Familie durchzufüttern …

  4. Scheff schreibt:

    P.S: Was ist aus Deinen BA-Plänen geworden?

  5. Ghost Dog schreibt:

    @Scheff: Die liegen zwar nicht auf Eis, aber im Kühlschrank.

  6. nolookpass schreibt:

    Ein in solcherart dauerbedrückender Situation äußerst hilfreiches Nomen ist jenes mit dem Katja-Burkhard-Gedächtnisnamen Schlussstrich. Und das ist kein groschenromaniger Pseudotipp, sondern schlichte Lebenserfahrung.

  7. Georg Krüger schreibt:

    das wollte ich dich immer schomal fragen 😉 und ich muss sagen: ich bin stolz auf dich! grüß mir den admini und die wäsche

  8. Thrillhouse schreibt:

    Quasi Versuchsreihe „Wann schmeißen die mich endlich von der Uni“.

    Im Ernst: Mit der Selbstständigkeit fährste m.E. am Besten. Mit ein wenig Glück kannste das auch noch ne halbe Ewigkeit machen.

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