Twitter – The New Big Thing

Bei Twitter scheiden sich ja nach wie vor die Geister. Diejenigen, die dabei sind, finden es spitze und alle, die sich dem Bann bisher entziehen konnten, finden es doof. Die Spitzefinder loben die direkte und unkomplizierte Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben und die Dooffinder vertreten die Meinung, dass Twitter sinnlose Zeitverschwendung sei, die zudem noch zum Privatsphärenstriptease einlade.

Ich war ja vorher auch eher skeptisch. „Wie soll man fruchtbare Kommunikation in 140 Zeichen unterbringen? Sind die Sachen, die man da schreibt, nicht einfach nur zusammenhangslose Halbsätze? Wer braucht sowas? Wozu gibt es denn Instant Messenger?“

In den ersten Tagen nach meiner Registrierung war Twitter für mich genau das, was ich befürchtet hatte. Immer, wenn mir ein halbwegs brauchbarer Satz ins Gehirn schoss, den es zu bloggen nicht lohnte, twitterte ich ihn einfach. Da anfangs nur eine Handvoll Leute meine „Tweets“ abonniert hatte, versandeten die meisten Versuche, dort Fuß zu fassen, kläglich. Ich fing also an ein paar mehr Leuten zu folgen. Einige von denen schrieben aber ausschließlich Sachen wie „Stehe am Bus, er hat Verspätung“, „Habe Hunger“ und „esse Stulle mit Brot“, was es mir nicht allzu leicht machte, dort eine Konversation zu starten. Also mussten die Twitterer, mit deren Tweets ich nichts anfangen konnte, wieder gehen. Ebenfalls gehen mussten die User, die Twitter nur dafür nutzen, um ihre neuen Blog-Beiträge anzukündigen, denn diese Aufgabe erfüllt mein Feedreader bereits. Dafür fand ich aber ein paar andere User, die das Prinzip „Fasse Dich kurz“ schon so weit perfektioniert hatten, dass beinahe jeder neue Eintrag lustiger und pointierter war, als der vorhergehende.

Eine weitere Neuentdeckung machte ich kurz darauf. Einige Medien haben bereits zu Twitter gefunden und veröffentlichen dort in Ultrakurzform aktuelle Berichte und Artikel. Ich abonnierte also ein paar Sport- und Nachrichtendienste (wie z.B. ESPN, BreakingNewsOn, BBC Football), die mir seitdem aktuelle News in Kurzform auf den Schirm liefern. Interessiert mich die Meldung, muss ich nur den im Tweet beigefügten Link anklicken und kann den kompletten Artikel direkt auf der Seite des Mediums lesen. Das ist, gelinde gesagt, grandios. Nachrichten scannen war noch nie so einfach.

Der größte Anteil von Twitter ist und bleibt aber die Kommunikation zwischen den einzelnen Usern. Manche Leute dort kennen sich schon länger, manche lernen sich dort kennen. Ein Beispiel: Von den Leuten, denen ich heute bei Twitter folge, kannte ich bei meiner Registrierung genau zwei persönlich (einen der beiden aber nur, weil mir sein Iro beim Icke@Er-Konzert die Sicht auf die linke Seite der Bühne versperrt hatte und er mich dafür mit einem Backstagebändchen entschädigte). Alle anderen sind entweder Blogger, deren Blogs ich lese oder Leute, die mir folgen und deren Beiträge ich auf den ersten Blick für interessant und lesenwert betrachtete.

Da wurde mir langsam klar, welch sinnvolle Ergänzung zum Blog, Emailpostfach und Feedreader Twitter sein kann.

(Kurzer Einschub: Ohne Twitter hätte ich nicht bei der Followerparty literweise Bier trinken können, denn ich hätte nie von der Party erfahren. Ohne Twitter würde ich morgen nicht zur „Pokalfeier“ von Bayern München gehen, denn ich hätte nie erfahren, dass Georg Krüger dorthin eingeladen wurde. Ich hätte ihn also nicht fragen können, ob es denn die Chance gibt, dass ich auch dabei sein kann. Ohne Twitter hätte ich viele tolle Links und Nachrichten gar nicht oder erst viel später erhalten.)

Aber es wurde noch besser. Denn Twitter hätte nur einen Bruchteil seines Reizes, wenn es dort nicht die umfassende Möglichkeit gäbe, den Dienst auch mobil zu nutzen. Es gibt eine Unmenge von Tools und Programmen, die einem die Nutzung von Twitter erleichtern. Auch fürs Telefon.
Viele User schicken ihre Tweets per Mobiltelefon oder über einen WLAN-Spot an einem öffentlichen Platz an ihre Follower. So erfährt man, wer gerade an welchem Flughafen eincheckt, wie viele Digitale Bohemiker im St. Oberholz (dem Mekka der deutschen Blogosphäre) sitzen oder wie der Döner bei Ali am Kottbuser Tor schmeckt. Ein Foto vom Döner darf da natürlich nicht fehlen, denn das kann man innerhalb kurzer Zeit knipsen und hochladen.
Man hat nicht viel verpasst, wenn man sich nicht dafür interessiert, aber es ist ein Heidenspaß, virtuell dabei zu sein.

Ich twittere nur von zu Hause aus. So weit geht mein Bedürfnis nicht, anderen mitzuteilen, wie viele Rollen Klopapier ich gerade bei Rossmann gekauft habe oder welche S-Bahn schon wieder drei Minuten Verspätung hat. Was ich aber gern und mit großer Begeisterung nutze, ist die Option, sich ausgewählte Nachrichten kostenlos aufs Mobiltelefon schicken zu lassen. So habe ich zum Beispiel von der Entlassung Mirko Slomkas als Trainer bei Schalke 04 erfahren, als ich mit dem Ad-mini auf dem Spielplatz gesessen und Sandburgen gebaut habe. Ich kann mir jede Nachricht, die mir jemand über Twitter schreibt, schicken lassen und es kostet mich keinen Cent. Und diese Möglichkeiten werden im Augenblick von den Dienstleistern und Medien noch viel zu wenig genutzt. Da liegt noch so viel Potential ungenutzt herum und wartet nur darauf, aufgegriffen zu werden.

Beispiel 1: Die Berliner BVG hat, Service und Kundenfreundlichkeit betreffend, nicht überall den besten Ruf. Warum eröffnet die BVG keinen Twitteraccount und schickt Statusmeldungen zu Störungen und Behinderungen dort kurz und präzise an die User, die es interessiert? „Störung der U2 zwischen Alexanderplatz und Stadtmitte. 10 Minuten Verzögerung“ könnte dann in einem Tweet stehen. Wenn ich aktiviert habe, dass ich BVG-Meldungen auf mein Mobiltelefon geschickt haben will, bekomme ich die Nachricht bevor ich mich auf den Weg zur U-Bahn mache und kann entsprechend darauf reagieren.

Durch die Möglichkeit, in den Tweets sogenannte Hashmarks (#- Begriffe, mit denen man seine Tweets kategorisieren kann) zu setzen, kann man Statusmeldungen noch gezielter an die Leute bringen. Wenn mich nämlich nur die U2 interessiert, weil ich keine andere BVG-Linie fahre, kann ich mir alle Tweets der BVG schicken lassen, in denen das Hashmark „#U2“ vorkommt. So erreicht mich die Meldung „Störung der #U2 zwischen Alexanderplatz und Stadtmitte. 10 Minuten Verzögerung“, wohingegen die Meldung „#Tram13 fällt aus“ nicht an mich weitergeleitet wird, weil ich diese Information nicht brauche.

Beispiel 2: Supermarktketten könnten auf ähnliche Art und Weise Angebote kommunizieren. „#Fleisch : Hackepeter heute 3,99 Euro pro kg“ oder „#CocaCola 1,5 Liter diese Woche 0,89 Euro“. Geht man vom optimalen Zustand aus (d.h. alle Ketten nehmen teil und halten sich an ein festes Kategoriesystem), gäbe es also die Möglichkeit, dass der interessierte Verbraucher von allen Supermärkten das Hashmark „#Fleisch“ oder „‚CocaCola“ abonniert und genau weiß, wo es sich gerade lohnt, günstig einzukaufen.

Es gibt noch so viele weitere Anwendungsmöglichkeiten, auf die bisher einfach noch keiner gekommen ist. Ich freue mich auf jede, die mir einen persönlichen Nutzen bringt.

[P.S.: Wo ich schonmal dabei bin: Folgt mir bei Twitter!]

Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Info, Links, Media, Persönlich, Software, www veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Twitter – The New Big Thing

  1. Nik schreibt:

    „Es gibt noch so viele weitere Anwendungsmöglichkeiten, auf die bisher einfach noch keiner gekommen ist.“

    Naja, ganz so ist es ja nicht.
    Exemplarisch sei deshaklb mal folgender beitrag vom Webworkblogger genannt: http://www.webworkblogger.de/index.php?/archives/139-17-sinnvolle-Anwendungsideen-fuer-Twitter-und-es-bringt-doch-etwas!.html

    Aber Du hast Recht. Twitter wird in seinen Möglichkeiten von den allermeisten Unternehmen nicht erkannt/begriffen. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig. Hauptproblem: Man kann twitter nicht wirklich erklären. Man muss es selbst ausprobieren und intensiv nutzen, damit sich der reiz erschließt. Und dazu haben sowohl die meisten Kundenberater in Agenturen, als auch die Kunden selbst in den seltesten Fällen Zeit und Lust.
    Was den Vorteil hat, dass Twitter so vorerst eine recht kuschlige Nische bleibt.

  2. Nik schreibt:

    Ups – den Link oben war wohl zu lang. Hier die Tinyurl-version: http://tinyurl.com/38cdhf

  3. Kittyluka schreibt:

    Jain.

    Auf der einen Seite hast du recht, auf der anderen bin ich vermutlich noch nicht lange genug dabei.

    Aber die Idee mit der BVG oder S-Bahn find ich gut…

  4. Ghost Dog schreibt:

    @Nik: Danke für den Link. Ich hab mir schon fast gedacht, dass ich nicht der erste bin, der dazu mal fünf Minuten brainstormt. Aber was nützen uns die Ideen, wenn die Dienstleister sie nicht umsetzen?

    @Kittyluka: Das ist ja nur meine Sicht der Dinge und wie ich Twitter für mich nutzen möchte. Das kann ja bei Dir ganz anders sein. Aber auch das ist ja der Vorteil: Man kann so verdammt viel mit Twitter machen.

  5. Pingback: Twitter: verdammt - verhasst - vergöttert - scheissegal at Gilly’s playground

  6. Malte Landwehr schreibt:

    Twitter im lokalen Sercivebereich (wie in deinen beiden Beispielen) fände ich auch spitzen. Aber die Zahl der potentiellen Nutzer ist noch extrem gering, da es auch in großen deutschen Städten nur einige hundert aktiver Twitterer gibt.

    Außerdem müsste man den trennen, weil ich zu Hause gerne mehr lesen möchte als News vom Supermarkt und dem Bussunternehmen aber nicht unterwegs mit all dem Mist zugetextet werden will. Sprich, nur bestimmte Tweets sollten auch ans Handy gehen.

  7. Ghost Dog schreibt:

    @Malte Landwehr: Das Trennen ist doch problemlos möglich, soweit ich weiss. Zu hause kannst Du Dir alles angucken, was Du followst und daraus kannst Du Dir bestimmte Sachen picken, die Du aufs Telefon geschickt haben möchtest. Das ist mit einem Mausklick erledigt.

    Dass zurzeit noch zu wenig Nutzer in Deutschland bei Twitter sind, um den Unternehmen das richtig schmackhaft zu machen, ist mir klar. Aber vielleicht sollte erstmal das Angebot da sein, damit die Nachfrage auch steigen kann.

  8. ullamarike schreibt:

    Danke für die ausführliche Erklärung! Hab mich schon gefragt, was dieses Twitter ist. Ich schau immer wieder gerne bei dir vorbei, so bleib ich am Laufenden.

    Wien grüßt Berlin!
    ullamarike

  9. niklasd schreibt:

    Also das mit der BVG kann man relativ einfach mit twitterfeed.com bauen. Hier, bitteschön, wenn auch noch nicht optimal:

    https://twitter.com/bvgmeldungen

  10. Ghost Dog schreibt:

    @niklasd: Wow. Da sieht man mal wieder wie einfach sowas im Grunde umzusetzen ist. Das hätte ich jetzt auch nicht gewusst, dass man den BVG-Feed so ohne weiteres an Twitter schicken kann. Das verringert den Aufwand für den Dienstleister gleich nochmal um ein Vielfaches.

    @ullamarike: Vielen Dank!

  11. Pingback: How delicious Could Become the Better twitter and Yahoo!s Holy Grail « vpx

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s