Boykottieren ist was für Duschmattenbenutzer

„Olympia boykottieren!“

Sie rufen, sie fordern, sie verlangen.

China zerschlägt die Unabhängigkeitsbemühungen der Tibetischen Bevölkerung mit Gewalt, aber nicht ohne vorher alles dafür zu tun, damit die Welt es nicht bemerkt. Zensur, Ausweisungen, Verhaftungen. Das ganze Programm.

Olympic Games 2008 China - TibetWäre China nicht just in diesem Jahr Ausrichter der Olympischen Spiele, wäre der Konflikt zwischen den Chinesen und Tibetern nicht minder schlimm, aber weitaus weniger medienträchtig. Die Olympischen Spiele sind das Symbol einer friedlichen Welt, die im kuscheligen Miteinander koexistiert und in der sich alle lieb haben, egal ob sie einen Weltrekord laufen oder im Schwimmbecken beinahe ertrinken. Und blutüberströmte Demonstranten (und vereinzelt auch Polizisten und Unbeteiligte) passen einfach nicht in das Bild der fünf olympischen Ringe.

Aufgrund dieser Diskrepanz zwischen dem Motto der Spiele und dem Handeln des Ausrichters aber zu fordern, dass Nationen die Olympischen Spiele boykottieren, ist genau das falsche Zeichen. Hätten die Sportfunktionäre vor ein paar Jahren nachgedacht, wäre China nicht zum Ausrichter der Spiele ernannt worden. Denn lupenreine Demokraten waren sie damals genauso wenig wie heute.

Wie sollen die von der Zensur unterdrückten Chinesen denn erfahren in was für einem Staat sie leben, wenn keine Sportler, Funktionäre und Journalisten aus den (vermeintlich) demokratischen Nationen zu ihnen kommen? Was haben die Tibeter davon, wenn die Chinesen die Schwimmwettbewerbe unter sich austragen?

Kein Sportler sollte durch eine politische Entscheidung dazu gezwungen werden, seinen Karrierehöhepunkt nicht wahrnehmen zu dürfen. Die Nationen sollten geschlossen antreten, ihre besten Leistungen erbringen, offen und freundlich zu den Bürgern in China sein und ihre politische Meinung, sollten sie überhaupt eine haben, vor Ort kundtun. Was spricht dagegen, wenn die siegreiche 4×100-Meter-Staffel mit zwei Fahnen auf die Ehrenrunde geht – der eigenen und der Tibetischen? Warum sollen nicht bei der Eröffnungsfeier, einem der größten Fernsehereignisse der Erde, nicht auch chinakritische Bilder um die Welt gehen? Sportler sind doch sonst immer so kreativ, wenn es um das Positionieren von Werbung oder anderen Botschaften geht. Sollen sie ihre Kreativität doch einfach nutzen, um das wichtigste sportliche Ereignis in ihrem Leben mit einem politischen Statement zu verbinden. Es soll mir keiner kommen mit „Sport und Politik haben nichts miteinander zu tun“.

Die Chinesische Regierung kann jetzt noch die Bilder und Informationen steuern, um die Geschehnisse in Tibet zu verharmlosen, aber wenn die Sportler der Welt in ihrem Land sind, können sie unter keinen Umständen sämtliche Proteste unterdrücken.

[foto: flickr by .ack-online.de]

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3 Antworten zu Boykottieren ist was für Duschmattenbenutzer

  1. Manu schreibt:

    Feine Idee, GhostDog, aber wir habe ja am Beispiel von Milorad Cavic gesehen, dass politische Botschaften im Sport unerwünscht sind…

  2. hermannw schreibt:

    Politik hat im Sport nichts verloren. Man kann die Verhältnisse in Tibet jederzeit anprangern, dazu braucht man den Sport nicht zu pervertieren.

  3. rockstar schreibt:

    Dummerweise richtet China die Olympischen Spiele aus und nutzt es auch politisch. Ich find’s cool, wenn man versucht friedlich auf Missstände und Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen. Ich freue mich auch für die Tibeter, dass sie nun eine Möglickeit haben, weltweite Beachtung zu bekommen. China muss sich genau überlegen, wie und ob es seine Verantwortung als Olympia-Ausrichter wahrnimmt.

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