Aufnahme einer gewerblichen, selbständigen (freiberuflichen) oder land- und forstwirtschaftlichen Tätigkeit

Ich sitze gerade hier – ein Glas Sekt in der linken und ein Glas Sekt in der rechten Hand* – und stoße mit mir selbst an. Denn seit etwa einer Stunde bin ich ganz offiziell gewerbetreibend – das erste Mal in meinem Leben.

Da ich in letzter Zeit vermehrt Anfragen erhalte, doch für den einen oder anderen das eine oder andere zu erledigen und bisher nie eine Entlohnung für meine Freundschaftsdienste erhalten durfte, habe ich mich vor ein paar Wochen dazu entschieden, den Weg der Selbständigkeit zu wählen und ein Gewerbe anzumelden, das in die Kategorie „Kleinunternehmer“ fällt.

Als Kleinunternehmer kann man steuerliche Regelungen in Anspruch nehmen, die eine Bilanzierung und die Prozedur der Umsatzsteueranmeldung und -abführung erleichtern. Dadurch, dass mein Gesamtumsatz im Gründungsjahr die 17500-EURO-Marke nicht überschreitet, habe ich die Möglichkeit (nach § 19 Abs. 1 Umsatzsteuergesetz) die Kleinunternehmer-Regelung anzuwenden, die besagt, dass ich auf meinen Rechnungen keine Umsatzsteuer gesondert ausweise und keinen Vorsteuerabzug geltend mache. Es gilt also Brutto gleich Netto. Der Vorteil dieser Regelung ist, dass ich darauf verzichten kann, monatlich Umsatzsteuer-Voranmeldungen an das Finanzamt zu schicken, auf denen eine Gegenüberstellung meiner Einnahmen und Ausgaben aufgelistet ist. Der Nachteil ist, dass ich Anschaffungen (wie z.B. Arbeitsmaterial) steuerlich nicht geltend machen kann, also die gezahlte Vorsteuer nicht zurückbekomme. Da ich aber für meine zukünftige Tätigkeit keine großen Anschaffungen benötige, verzichte ich zugunsten der vereinfachten Bilanzierung auf die marginalen finanziellen Vorteile. (Experten auf diesem Gebiet können meine Erklärung gern erweitern oder ggf. verbessern)

Um ein Gewerbe anzumelden, gilt es zwei Hürden zu überwinden: Das Gewerbeamt und das Finanzamt. Im Nachhinein kann ich erleichtert sagen, dass es gar nicht so weh getan hat.

Beim Gewerbeamt ist eine Gewerbeanmeldung (nach §14 GewO oder §55c GewO) (Wikipedia-Info; hier Gewerbeanmeldung als PDF runterladen) einzureichen. Es ist keine Bitte um Erlaubnis, sondern lediglich ein Verfahren, indem man seinem Heimatort den Beginn der Gewerbetätigkeit mitteilt. Also braucht man beim Gewerbeamt auch keine devote Haltung einzunehmen, da sie dort – mit Ausnahme von zulassungspflichtigen Tätigkeiten – die Gewerbeanmeldung nicht ablehnen können.
Das Anmeldeformular besteht aus einer A4-Seite. Ich hatte mich natürlich vorbereitet und bereits zwei Exemplare des Formulars ausgedruckt und ausgefüllt. Das zweite Exemplar hätte ich mir sparen können, denn sie wollte sich unbedingt vom ersten Exemplar eine Kopie anfertigen. (Ich verwette meinen Satz Toyota-Sommerreifen , dass sie mich in den Warteraum geschickt hätte, ein zweites Exemplar auszufüllen, wenn ich nur eines dabeigehabt hätte.)
Essentiell in der Gewerbeanmeldung ist Punkt 15: „Angemeldete Tätigkeit“. An dieser Stelle hatte ich auch eine kleine Meinungsverschiedenheit mit meiner Sachbearbeiterin, die meine eingetragene Formulierung „Dienstleistungen aller Art für Privat und Gewerbe; insbesondere Web- und Bürodienstleistungen“ mit einem trockenen „Das geht so nicht“ kommentierte und alles erstmal durchstrich. Nach einigem Hin und Her – ich versuchte ihr klarzumachen, dass ich meine geplante Tätigkeit mit Absicht so allgemein halte, weil ich beabsichtige, viele verschiedene Tätigkeitsbereiche anzubieten – einigte sie sich mit mir auf: „Web- und Bürodienstleistungen; Webseitenerstellung, -optimierung, -betreuung; Hard- und Softwarebetreuung“. Nunja.
Die Gebühr der Anmeldung in Höhe von 26 EURO konnte ich – das ist im Bezirksamt Pankow von Berlin noch nicht lange der Fall – mit EC-Karte zahlen. Und nachdem sich die Dame ihre heißgeliebte Kopie erstellt und ein paar Stempelungen und Unterschriften vorgenommen hatte, war meine Gewerbeanmeldung vollständig.

Nun musste ich nur noch zum Finanzamt, um dort den „Fragebogen zur steuerlichen Erfassung“ einzureichen (hier Fragebogen als PDF herunterladen). Dieses Formular ist dazu da, eine Steuernummer zu erhalten. Mit dieser Steuernummer werde ich nun als steuerpflichtige, natürliche Person beim Finanzamt geführt.
Der Fragebogen umfasst 4 A4-Seiten. Anders als bei der Gewerbeanmeldung habe ich dieses Formular nur in einfacher Ausführung ausgefüllt, was die freundliche Finanzamt-Sachbearbeiterin sofort in ihren Robotermodus versetzte. „Der Fragebogen muss zweimal ausgefüllt sein. Hier, hier, hier, hier und hier müssen Sie noch das, das, das, das und das eintragen. Hier ist der Fragebogen, füllen Sie ihn bitte im Warteraum aus und kommen dann zurück.“ In demütiger Bückhaltung schlich ich nach draußen und trug alles nach. (Ich verwette meinen Satz Toyota-Winterreifen , dass sie das zweite Exemplar nicht gewollt hätte [„Ich mache mir eine Kopie vom ersten Exemplar!“], wenn ich beide dabeigehabt hätte.)
Als ich fertig war, ging ich zurück an ihren Schreibtisch, wo sie aber leider nicht war. Knapp fünf Minuten später kam sie von ihrer Raucherpause zurück und zog einen lieblichen Aschenbecherduft hinter sich her. Sie nahm die Formulare an sich, kontrollierte alles, fand keine Fehler und schickte mich dann wieder in den Warteraum. „Warten Sie bitte draußen, ich komme in Kürze zu Ihnen und gebe Ihnen die Steuernummer“. Warum sie mir die Nummer nicht an ihrem Schreibtisch geben konnte, ist mir ein Rätsel. Womöglich möchte das Finanzamt nicht, dass ich herausfinde, dass Steuernummern in einem kleinen Würfelspiel ermittelt werden, vor dem die Mitarbeiter Wetten auf die gewürfelte Augenzahl abgeben.
Nur kurze Zeit später war meine Steuernummer dann ausgewürfelt und sie wurde mir feierlich im Gang überreicht.

Mittlerweile ist der Sekt ausgetrunken* und ich schreibe nebenbei auch schon meine allererste Rechnung. Ich bin ganz aufgeregt.

* Leute, die mich kennen, wissen, dass das eine schamlose Lüge ist, denn ich trinke gar keinen Sekt.

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3 Antworten zu Aufnahme einer gewerblichen, selbständigen (freiberuflichen) oder land- und forstwirtschaftlichen Tätigkeit

  1. Paul schreibt:

    Siehste, genau sowas habe ich mir auch bereits überlegt, im Bereich Texterstellung und so. Allerdings war und bin ich mir immer noch nicht sicher, ob sich das auch wirklich lohnt… Und nachdem ich mich dann ins Thema eingelesen habe, war mir das (damals) mit dem Rechnungen erstellen und dem ganzen Kalkulieren noch ein bisschen viel. Außerdem haben in vielen Foren ne Menge erfahrener Leute gesagt, dass es genug Professionelle in dem Bereich gibt und ich keine Chance haben würde…

    Auf jeden Fall gratuliere ich dir🙂

  2. Kittyluka schreibt:

    Oh, na wenn du dich da mal nicht… nein ich sags nicht.

    Als selbständige sage ich nicht dir, sondern denen die da noch folgen: Die Gewerbeanmeldung ist nicht nötig, so lange man keine öffentlich zugänglichen Geschäftsräume hat oder in der Produktion bzw. dem Verkauf Fuß fassen möchte. Der Aufwand ist es meiner Meinung nach nicht wert.

    Aber trotzdem herzlichen Glückwunsch zur neu gewonnenen Freiheit, wenn du mal jemanden brauchst, der Flyer und Werbung gestaltet… ich bin da, ich mach dir auch einen sonderpreis😉

    Vielleicht können wir uns auch arrangieren: „Hardware Betreuung“, ich bräuchte da noch einen der mir Löcher in meine Fliesen bohrt…

  3. frida schreibt:

    hast du schon preisliste und arbeitsproben? damit man dich im zweifelsfall anbieten kann.

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