Zu-Früh-Geher

Tatort Berliner Olympiastadion: Hertha BSC spielt gegen Bayern München und es läuft die 85. Minute. Das Spiel ist nicht toll, aber spannend, da es 0:0 steht und beide Teams noch Torchancen haben, um das Spiel zu gewinnen. Und da geht es los: Die ersten Zuschauer drängeln sich durch die vollbesetzten Reihen, um das Stadion noch vor Abpfiff zu verlassen. Es könnte ja zwei Minuten länger dauern, bis man das Gelände verlassen hat, wenn man erst nach Spielschluss losgeht, wie alle anderen auch. Solchen Leuten wünsche ich, dass sie eine halbe Stunde später nach hause kommen und der Reporter der Sportschau bei der Spielzusammenfassung sagt: „Das waren die aufregendsten fünf Schlussminuten der Bundesligageschichte. Wer da zu früh das Stadion verlassen hat, sollte sich selbst in den Arsch beißen!“

Tatort Columbiahalle Berlin: Neil Young spielt eines seiner seltenen, exklusiven und für Otto-Normalstudenten viel zu teuren Konzerte. Der präsentierende Radiosender ist auch vor Ort und befragt in der Pause zwischen Neil Youngs Soloset und seinem Auftritt mit Band die Zuschauer. Ein Paar wird gefragt, wie es den Akkustikteil fand und sie antworten: „Wir hatten gehofft, dass er etwas schneller und mehr Songs spielt, weil wir jetzt losmüssen. Wir müssen noch den Zug nach Cottbus erwischen.“ Diese Leute haben pro Karte wahrscheinlich einen dreistelligen Betrag bezahlt und gehen dann nach einem Drittel des Konzerts, weil sie den Zug nicht verpassen wollen? Haben die noch alle Saiten auf der Gitarre?

Tatort Kino in der Kulturbrauerei: Der Film ist in seinen letzten Minuten. Der Abspann hat noch nicht begonnen, aber das Happy End zeichnet sich bereits ab. Da stehen aus der Mitte der Reihe die ersten Zuschauer auf und zwingen mich dazu sie durchzulassen. Ich muss mich erheben, meine Sachen aus dem Weg räumen und verpasse vielleicht sogar die entscheidenden zehn Sekunden des Films, nur weil die Herrschaften nicht noch die letzten drei Minuten auf ihren Ärschen sitzenbleiben können.

Tatort Kreuzung Prenzlauer Allee / Danziger Straße: An der Fußgängerampel stehen viele Leute, darunter einige Eltern mit ihren Kindern. In wenigen Augenblicken wird die Ampel für die Autos auf Rot umspringen, aber so viel Zeit haben die netten Damen und Herren nicht, die vor den Augen der Kinder bei Rot über die Ampel gehen müssen, um zehn Sekunden früher auf der anderen Straßenseite zu sein. Die Eltern, die mit größter Mühe versuchen, ihren Kindern beizubringen, wie man sich korrekt im Straßenverkehr verhält, sind zurecht sauer, weil sie nun wieder ganz von vorn anfangen und gleichzeitig den Kleinen erklären müssen, warum es solche unverantwortlichen Arschlöcher gibt.

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12 Antworten zu Zu-Früh-Geher

  1. donvanone schreibt:

    Hab nach 2/3 des Textes aufgehört zu lesen, hab doch keine Zeit.
    Hab ich was verpasst?

  2. Ghost Dog schreibt:

    Nein, Du verpasst nie was, wenn Du nur 2/3 meiner Texte liest.

  3. Thrillhouse schreibt:

    Wie geht das denn?

    418 Wörter * 2/3 = 278,66666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666666667 Wörter (gerundet)

  4. Ghost Dog schreibt:

    Na toll. Und schon hat mir irgendein Nerd die Zellen- und Seitenränder gesprengt…😉

  5. Thrillhouse schreibt:

    Kannst gern noch etwa aufrunden😀

  6. donvanone schreibt:

    Man hört einfach mitten im Wort auf, ganz einfach…
    (ich hoffe du zählst nicht noch die Buchstaben und stellst fest, dass ich dann auch mitten im Buchstaben aufgehört hätte, aber da fällt mir dann sicher auch noch eine Ausrede ein)

  7. Thrillhouse schreibt:

    @don: Vielleicht morgen. Jetzt bin ich zu betrunken.

  8. ckwon schreibt:

    In Berlin war ich zweimal zum DFB-Pokalfinale im Stadion, da hat mana uch eh nochmal mehr Zeit.
    Ich war schon so oft im Stadion, aber bis zum Schlusspfiff bin ich immer geblieben.
    Manchmal, wenn noch ein Termin Samstags abends anstand, bin ich vielleicht schon vor Schlusspfiff zum AUsgang gegangen, um bei genau diesem rauszugehen.

    In manchen Stadien dauert es leider überproportional länger, wenn man kurz nach dem Schlusspfiff rausgeht als wenn man knapp zu früh rausgeht, da es dann eher keine Staus gibt.

    Leute, die grundsätzlich zu früh nach Hause gehen, kann ich allerdings überhaupt nicht verstehen.
    Bei großen, teuren Konzerten, wo man auch noch weite Strecken in Kauf nimmt, kann ich es noch weniger verstehen…

  9. rockstar schreibt:

    Zum letzten Abschnitt, hab ich eine leicht andere Sichtweise. Klar versuche ich auch, wenn Kinder zwischen 3 und 8 Jahren an der Ampel stehen, nicht einfach bei Rot rüber zulaufen. Aber wenn es doch einmal passiert, dann bin ich eben das beste Beispiel, wie man es nicht macht. Das kann man den Kindern ja auch verklickern. Ich hab schon oft erlebt, dass mich dann Kinder ganz böse anschauen. Das wirkt auch bei der Erziehung!

    Die Gefahr besteht nur darin, wenn Kinder einfach mitlaufen, nur weil ich schon losgehe. Die achten dann im Gegensatz zu mir nicht mehr auf den Verkehr. Da pass ich aber tierisch auf!

  10. DerTommes schreibt:

    Zum letzten Abschnitt‘
    Mein „großer“(5)schnauzt dann immer die Leute an:
    „Guck mal Papa, ein/eine Farbenblinde(r)“
    Habe ich dem Filius natürlich beigebracht😀

  11. satyasingh schreibt:

    Ich war bei der WM2006 in Berlin im Stadion. D-Ecuador. Tolles Spiel. Aber darum gehts nicht. Ich bin natürlich bis zum Schluß geblieben. Anschließend zur U-Bahn gegangen. Alles ohne Hetze. Kein Gedrängel. Haben die in den 30iger Jahren toll gebaut. Wo ist das Problem? In Berlin kann man getrost bis zum Schluß bleiben.

    München Allianz Arena. Bin natürlich auch da bis zum Schluß geblieben. Die Bauer(n) dort haben sich Berlin nicht angeschaut. Herrje dauert das bis ich da bei der U-Bahn bin. Nicht weil der Weg so weit ist, sondern weil sichs drängelt und eng wird. Vor der Brücke zur U-Bahn sind noch mal Wellenbrecher an denen sichs allein schon 20 Min staut.

    Junx in Berlin: Bei euch istas 10x besser. Also bleibt bis zum Schlußpfiff.

  12. hermannw schreibt:

    Deutschland ist das einzige Land in der Welt, daß ich kenne, wo darauf geachtet wird, ob eine Ampel rot oder grün zeigt. Also mal ganz ehrlich: Was für einen Sinn hat es an einer roten Ampel stehenzubleiben, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist, abgesehen davon, daß es halt verboten ist loszugehen? Kinder und ihre Eltern sollten lieber lernen einzuschätzen, wann man die Fahrbahn gefahrlos überqueren kann (Blick nach links usw.) Die kleinen rennen sowieso bei rot rüber, sobald sie alleine unterwegs sind, wenn kein Auto kommt, wie es alle anderen auch machen, außer die Touristen vom Dorf. Deswegen ist niemand ein schlechter Mensch. Man hat seine Zeit ja auch nicht gestohlen.

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