Wie ich meine Männer-Karten verlor

In der ersten Folge der fünften Staffel von „Scrubs“ erhält J.D. von Dr. Cox fünf „man cards“.

Dr. Cox: […] by you reaching the level of attending physician, you have somehow managed to become a member of a club that I belong to. […] it’s my obligation to let you in on the organization’s one and only bylaw: We’re men.
J.D.: Yes, we are.
Dr. Cox: […] So, I went ahead and took the liberty of making you five Man Cards. Hold them very dear, because every time you drop the ball, man-wise, I’m going to take one from you.

Ich hatte auch mal fünf Männerkarten. Ich bekam sie von einem Fremden an meinem 16. Geburtstag – verpackt in einem neutralen Umschlag – überreicht. Er sagte zu mir: „Junge, Du bist jetzt ein Mann. Mit dem heutigen Tag gehörst Du nun der elitären Gruppe an, die diesen Planeten mit Leben und Wissen füllt. Sei Dir Deiner Vorfahren bewusst. Du stehst jetzt in einer Reihe mit Naoh, Amoukar, Gaw, Konrad Zuse, Heinrich Göbel, Wolverine und Chuck Norris.“

Wow, Chuck Norris! Ich war baff. Aber er war noch nicht fertig.

„Ich übergebe Dir hiermit fünf Männerkarten. Deine Aufgabe ist es, Dich in Deinem Leben stets wie ein Mann zu benehmen und das Erbe unserer DNA-Reihe mit Würde und Stolz zu füllen. Jedes Mal, wenn Du den Pfad eines Mannes verlässt und Dich wie ein Mädchen aufführst, verlierst Du eine Männerkarte. Hast Du alle Männerkarten eingebüßt, verlierst Du Deinen Status und wirst Deinen Lebensabend als Memme verbringen – Dein Name wird dann in einem Atemzug mit den Unwürdigen genannt: Patrick Swayze, Andreas Möller, Dieter Bohlen und David Beckham.“

Er ging ohne Verabschiedung.

Heute, etwa Zwölfeinhalb Jahre später, ist von den fünf Männerkarten nur noch eine übrig. Die anderen vier habe ich bereits arglos verspielt, weil ich in schwachen Momenten den Pfad der Gerechten Männer verlassen habe. Und davon werde ich heute berichten.

Die erste Karte habe ich eines schönen Nachmittags in der zehnten Klasse verloren. Ich ging mit ein paar Mädels aus meiner Klasse in den Kaufhof am Alexanderplatz. Als pubertierender Jugendlicher kommt man sich mit drei Mädchen im Schlepptau ziemlich männlich vor. Jedoch beging ich den Fehler, die jungen Damen in die Schönheitspflege- und Wellnessabteilung zu begleiten, anstatt die Rolltreppe zur Sportabteilung zu nehmen und mich über die neuesten Töppen und Trikots zu informieren. Also stand ich kurz darauf vor dem Nagellack-Regal und wunderte mich über die Farbenvielfalt, die sogar ein VfL-Bochum-Trikot aus den frühen Neunzigern blass aussehen ließ. Kaum hatte ich meine Verwunderung artikuliert, wurde ich auch schon als Handmodell mißbraucht. Meine Begleiterinnen wollten unbedingt die Wirkung der verschiedenen Nagellacke am Finger testen. Ein paar Minuten später stand ich da – mit lackierten Fingernägeln. Zehn Nägel, zehn Farben. Ich sah schriller aus als Olivia Jones beim CSD.

Am 30. Juni 1996 musste ich meine zweite Männerkarte zurückgeben. An diesem Tag fand das Finale der Fußball-Europameisterschaft in England statt. Deutschland spielte gegen Tschechien und wurde – wir wissen es alle – durch das Golden Goal von Oliver Bierhoff Europameister. 28,44 Millionen Menschen sahen in Deutschland dieses Spiel. Ich nicht. Denn ich war zu der Zeit in einem Schwimmbad.
Meine erste Freundin war sehr eifersüchtig auf meine innige Beziehung zum Fußball. Das hätte sie eigentlich vorher wissen können, denn sie hatte mich ja genau dort, also auf einem Fußballplatz, auch angelacht. Jedenfalls war ich wie jeder normale Kerl während der EM über längere Zeit kaum ansprechbar. Mit jedem Sieg Deutschlands stieg meine Stimmung und umgekehrt proportional dazu sank ihre Laune. Einen Tag vor dem Finale bat sie mich zu einem ernsten Gespräch, dessen Ende ich heute aufgrund der Verjährungsregel (dazu später mehr) auch preisgeben kann.
Sie so: „Immer dieser blöde Fußball. Gibt es denn gar nichts anderes mehr, das Du machen willst außer laufend Fußball spielen und Fußball gucken?“
Ich so: „Nö.“
Sie so: „Du liebst Fußball mehr als mich!“
Dabei presste sie ein kleines Mitleidtränchen aus dem Auge, das ich damals noch nicht als solches identifizieren konnte und es für ehrliche Heulerei hielt.
Also log ich: „Nein, natürlich nicht. Jede Minute, die ich mit Dir verbringen darf, ist mir viel wichtiger als jeder Europameistertitel, den Berti Vogts und seine Mannschaft je erringen kann!“
Sie so: „Wirklich? Dann hast Du ja wohl auch kein Problem damit, morgen den Tag mit mir zu verbringen und nur für mich da zu sein?!“
Es kam also, wie es kommen musste: Als Deutschland das Finale gegen Tschechien spielte, waren meine Freundin und ich neben ein paar Omas und zwei alleinerziehenden Müttern mit ihren verzogenen Gören die einzigen Leute, die im „Erlebnisbad Blub“ durchs Wasser schwammen, die Rutsche herunterrutschten und im Wellenbad badeten. Auf dem Nachhauseweg kamen uns dann die jubelnde Menschen entgegen, die den EM-Titel ausgelassen feierten. Ich habe mir das Spiel dann nicht mal mehr auf Video angeschaut.

Mancard Nummer drei ging flöten, als ich mich dazu entschied, Zivildienst zu machen. Chuck Norris war sauer auf mich und ließ mir ausrichten, dass er dafür sorgen wird, dass ich nie wieder 20 Prozent Rabatt auf Tiernahrung bekomme. „Alten Leuten den Arsch abwischen“ ist unter richtigen Männern weit weniger populär als „Charlie die Birne wegzupusten“. Dabei ging es mir nicht mal darum, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Ich lasse mir einfach nicht von Vorgesetzten mit Hauptschulabschluss und einem IQ kurz unter der Körpergröße vom Ad-mini sinnlose Befehle erteilen. Ich habe die dumme Angewohnheit, gerne und häufig auch mal zu widersprechen, wenn ich etwas tun soll, dessen Sinn ich nicht verstehe.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als mit zwei verbleibenden Männerkarten den Zivildienst anzutreten. Und siehe da: Als Hahn im Korb (sprich: als einziger Kerl auf einer Station nur mit Schwestern und – vor allem – Schwesternschülerinnen) ließ es sich elf Monate sehr gut leben. Außerdem hatte ich aus der Vergangenheit gelernt und lehnte alle Angebote, „mal einen kleinen Einkaufsbummel zu Douglas“ zu machen, höflich aber bestimmt ab.

Wie ich die vierte und bisher letzte Männerkarte abgeben musste, kann ich heute leider nicht erzählen. Peinlichkeiten solchen Ausmaßes verjähren erst nach zehn Jahren und dürfen daher frühestens im Jahr 2018 verbreitet werden.

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10 Antworten zu Wie ich meine Männer-Karten verlor

  1. julie paradise schreibt:

    Zivildienst absolvieren ist doch aber eigentlich, ähem, ebenso männlich oder unmännlich wie beim Bund zu sein, oder? Vielleicht hättest Du dort ab so dämliche Dummheiten begangen, daß auch dort ein Kärtchen flöten gegangen wäre.

    Außerdem: Who the fuck is denn schon Chuck Norris? *er wird mich finden und bestrafen, er wird mich finden und bestrafen, ooooooh!*

  2. donvanone schreibt:

    Na das nenn ich mal Leserbindung. Werde hier jetzt also mindestens 10 Jahre weiterlesen müssen…

  3. Paul schreibt:

    Ghostdog, das ist ganz schön unfair. Ich will nicht bis 2018 warten müssen😦

  4. ckwon schreibt:

    Seine Peinlichkeiten verschweigen ist aber auch sowas von unmännlich…SOlltest du nicht in 10 Tagen diese bekanntgeben, so verlierst du auch deine letzte Männerkarte! 😉

    Außerdem bin ich der Meinung, dass Zivildienst nicht zwingend der Verlust einer solchen Karte bedeutet. Immerhin habe ich als Zivi eine billige Arbeitskraft für unser Sozialsystem dargestellt, während die beim Bund nur faul rumgesessen haben…

  5. Ghost Dog schreibt:

    @julieparadise: Er wird Dich finden und bestrafen, er wird Dich finden und bestrafen.

    @donvanone: Dann hab ich Dich ja da, wo ich Dich haben will.😉

    @Paul: Sorry, aber Regel ist Regel.

    @ckwon: Erklär das mal Chuck Norris!

  6. Thrillhouse schreibt:

    Die letzte Mancard verliert man als Blogger doch automatisch – oder?

  7. Sanja schreibt:

    stimmt, männer reden ja nicht so von ihren gefühlen😉

    aber was man nicht alles für die liebe in kauf nimmt

  8. M@rtin schreibt:

    Und außerdem ist Bloggen schwul… und dafür verlieren wir hier alle eine unserer Männerkarten. Ich sehe schon, wir enden alle als Memmen😀 .

    Der Chuck, der kann mich mal…

  9. Manu schreibt:

    Gib mir mal deine Adresse, Ghostdog, ich schick dir die Ergänzungslieferung für deine Männerkarten.

  10. Ghost Dog schreibt:

    @Manu: Ich wusste nicht, dass man die auch nachbestellen kann. Jetzt wird mir auch klar, warum David Hasselhoff noch nicht auf der Memmen-Liste steht.

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