Familienfeste und andere Peinlichkeiten

Damen und Herren im Alter von 45 Jahren und aufwärts haben nicht mehr viel zu lachen. Gut, dass Mutter Natur ihnen als letztes Quell Lebensfreude die Möglichkeit geschenkt hat, Jubiläen aller Art zu feiern. Man wird 50, dann 60, dann 70, vielleicht auch noch 75 oder älter. Man ist 25 Jahre lang verheiratet oder 50, wer ganz viel Pech hat, erlebt zusammen mit dem Ehegatten auch noch die Diamantene oder sogar die Kronjuwelenhochzeit.

Alle runden Anlässe haben eines gemeinsam: Es muss unbedingt groß gefeiert werden! Denn wer weiß wie lange man noch lebt. Jede große Fete könnte die letzte sein.

Und weil das Leben sowieso schon voller Überraschungen steckt, feiert man einfach immer gleich.

  1. Man lässt von den Kindern oder Enkeln („Die können das doch heutzutage alles so toll mit dem Kompjuter machen!“) etwa drei bis vier Monate im Voraus Einladungskarten gestalten, am besten gleich mit einem fröhlichem Reim: „Wir laden Euch ganz herzlich ein – bei unserem Fest dabei zu sein! – Geschenke sind uns einerlei – Hauptsache ist Ihr seid dabei! – Wollt Ihr uns trotzdem etwas schenken – Würde uns etwas Geld überhaupt nicht kränken!“
    Man hält sich nicht mit dem Einhalten von Versmaßen auf.
  2. Eine Woche, nachdem die Einladungen ganz klassisch mit der Post verschickt wurden, ruft man bei allen Empfängern an und fragt, ob sie an dem besagten Tag (in drei bis vier Monaten) Zeit hätten. Man braucht ja Planungssicherheit und es ist ja sowieso ein Unding, dass die Jugend heutzutage so in den Tag hineinlebt und nicht mal ein Viertel Jahr im Voraus weiß, was sie an diesem speziellen Sonnabend machen.
  3. Die Sitzordnung wird festgelegt. Die Kinder oder Enkel, die bereits die Einladungen drucken mussten, bekommen den Auftrag, Platzkarten zu basteln.
  4. Das Schützenhaus bzw. das einzige Restaurant im Ort ist bereits seit einem halben Jahr gebucht. Günther, der Inhaber der Lokalität, den alle nur Jünther nennen, macht einen guten Preis bei den Getränken. Für diesen besonderen Anlass macht Günther auch den Festsaal schick, der neben Runden Jubiläen sonst nur zu Silvester und der jährlichen Jugendweihefeier der Dorfschule benutzt wird.
  5. Ein Kumpel der Schwiegertochter der Nachbarn ist DJ und wird schon seit Jahren von den meisten im Ort gebucht. Er hat eine große Auswahl an Schlagern, spielt überwiegend Wolfgang Petry und erzählt so lustige anzügliche Witze. Außerdem animiert er die Gäste ganz toll zu Polonaisen und Stuhltänzen.
  6. Die Feier beginnt ganz klassisch zwischen 15 und 15.30 Uhr mit Kaffeetrinken und Kuchen essen. Eine Woche vor dem Fest wurden alle Muttis, Omas und Tanten dazu verdonnert, Kuchen oder Torte zu backen.
  7. Der/die Gastgeber halten eine kurze Rede, in der den Gästen für ihr zahlreiches Kommen gedankt und allen ein guter Appetit gewünscht wird.
  8. Neben dem DJ sorgen die Kinder und Enkel, die dem Ehrenpaar (oder Geburtstags“kind“) am nächsten stehen, für eine „Überraschung“. Sie denken sich ein Gedicht aus, das sie zwischen Kaffee und Abendessen vor den versammelten Gästen vortragen. Zusätzlich basteln sie eine Zeitung mit Fotos der Familie und aus dem Internet kopierten Gedichten.
  9. Das Vorlesen des Gedichts wird zu einer von allen Seiten geduldeten Fremdschäm-Arie. Die Vortragenden haben das Gedicht in einer superschönen Schreibschriftart ausgedruckt, können aber mit zitternden Händen kaum entziffern, was auf dem Blatt steht. Das macht sie noch nervöser, als sie sowieso schon sind. Die Gags sind mau und verebben in der Unfähigkeit, vor Publikum etwas vorzulesen. Ein paar Leute lachen ab und zu, wenn sie glauben, eine Pointe gehört zu haben und am Ende applaudieren alle höflich, weil sie froh sind, dass es vorbei ist.
  10. Getanzt wird der klassische Dorfwalzer. Eins, zwei, Tipp. Den können alle, die schon mal auf einem Dorffest waren. Nur die Teenager und Twens aus der Großstadt, denen die Feier sowieso schon total peinlich ist, können keinen Dorfwalzer und erwehren sich standhaft aller Aufforderungen zum Tanz mit den alten Leuten.
  11. Zwischen 18.30 Uhr und 19 Uhr wird das Abendessen aufgetischt. Ein Buffet. Das macht (wie immer) der Fleischer aus der Umgebung. Je nach Region kann die Hauptattraktion variieren. Es ist aber auf jeden Fall ein frisch geschlachtetes Tier.
  12. Nach dem Essen beginnt der gemütliche Teil des Abends. Verdauungsschnäpse werden gereicht. Die ersten Gäste fahren nach hause, aber nicht, ohne sich noch ein paar Schnitzel und Kartoffelsalat vom Buffet einpacken zu lassen.
  13. Der DJ dreht die Musik laut auf und spielt die beliebtesten Dorfschlager. Die Tanzfläche füllt sich und der Tanzabend wird nur noch ein paar Mal für kleine Partyspiele unterbrochen.

Und weil es so schön war, machen wir es beim nächsten Mal exakt genau so!

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8 Antworten zu Familienfeste und andere Peinlichkeiten

  1. Rätselmensch schreibt:

    Du warst am 70ten meiner Großeltern?

  2. Paul schreibt:

    Erinnert mich ein wenig ans Familienfest meiner Freundin. Und an den xy Geburtstag meines Großvaters.

  3. Scheff schreibt:

    Perfekte Beschreibung meiner Familienaktivitäten. Eine Frage (ohne respektlos sein zu wollen): Werden wir später auch mal so? Und gucken wir später auch alle mal Musikantenstadl? Kann mir doch keiner erzähln dass da seit 20 Jahren die gleichen schunkelnden Massen rumhängen, irgendwoher müssen die doch ihren „Nachwuchs“ (rofl) rekrutieren.

  4. Trainer Baade schreibt:

    Mein Beileid, falls es aktuell gewesen sein sollte.

  5. Ghost Dog schreibt:

    @Rätselmensch: Nicht nur da.
    @Paul: Alle feiern gleich. Kennt man ein Fest, kennt man alle.
    @scheff: Der Nachwuchs bei den Shows kommt meist aus den Familien, die bisher noch da im Publikum und am TV sitzen. Ich denke aber, dass Schlager bei der (und das soll jetzt auch nicht respektlos sein) Dorfjugend viel beliebter ist als Volksmusik.
    @Trainer: Gestern. Und im Juni. Und im April. Und und und.

  6. Thrillhouse schreibt:

    @Scheff: Wir werden fast genauso. Ich bin mir da ganz sicher. Vielleicht werden wir eine coolere Location wählen, aber selbst heute sehe ich schon Parrallelen.
    Selbst bei mir.

  7. treibholz schreibt:

    Treffend, bis auf eine Kleinigkeit: Der DJ ist meist kein DJ, sondern meiner Erfahrung nach ein Typ mit so einer Art Heimorgel und einem übertrieben bunten Jackett🙂

  8. wessnet schreibt:

    Diese Art von Familienfesten ist doch schon irgendwie amüsant, sozusagen Gelsenkirchener Barock-Subkultur. Mit etwas Bier und Dornkaat kann man sich das noch schöntrinken.

    Schlimmer finde ich Rocknostalgie: War vor Jahren mal mit einem Freund auf einem Konzert von Ritchie Blackmore`s Rainbow, ehedem mal eine nette Band, und Blackmore hat seine Momente. Als Zugabe gab es dann natürlich „Smoke on the water“, und 40jährige Muttis haben dazu durchgehend auf die 1 geklatscht: DAS war „Lustiger Rockstadl“!

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