Green Card für deutsche Auslandsurlauber

In den zwei Urlaubswochen habe ich so gut es ging versucht, nicht als Deutscher erkennbar zu sein. Denn was manche unserer Landsleute im Ausland so verbrechen, geht gar nicht mehr. Würde ich für jeden deutschen Urlauber, der sich im Ausland daneben benimmt, einen Cent bekommen, dann könnte ich Kai Pflaume locker ein paar neue Finger kaufen mit dem Geld jede Menge Gutes tun.
Horst aus Unterföhring zieht sich an wie der von seiner blinden Großmutter eingekleidete Holzmichel, Werner aus Bremerhaven brüllt quer durch einen Supermarkt und Jürgen aus Saarlouis wundert sich, warum es auf der Speisekarte nicht sein heißgeliebtes Eisbein gibt – um nur ein paar peinliche Beispiele zu geben.

Ich werde in den kommenden Tagen beim Auswärtigen Amt einen Antrag einreichen, der dazu auffordert, Deutsche Staatsbürger nur noch dann im Ausland Urlaub machen zu lassen, wenn sie einen Eignungstest bestehen. Vor dem Antritt des Urlaubs muss jeder Deutsche nachweisen, dass er sich im Ausland nicht wie ein Vollidiot benimmt und den schlechten Ruf der Deutschen nicht weiter verschlimmert. Wer den Test besteht, bekommt eine Greencard und kann damit die gewünschte Reise buchen. Wer versagt, darf das Land drei Jahre lang nicht verlassen.

Dieser Test beinhaltet mehrere Punkte:

  • Körperhygiene:
    Haare in der Nase und den Ohren sind nicht mal dann erlaubt, wenn es Winter ist und man sich vor der Kälte schützen muss. Es gilt striktes Ekelhaarverbot. Regelmäßiges Duschen ist nicht nur für die Zeit vor und nach dem Urlaub bestimmt.
  • Modegeschmack:
    Man erkennt einen Deutschen auf einen Kilometer Entfernung, wenn er ein in die Hose gestopftes Baumwollhemd, eine über den Knien abgeschnittene Jeanshose, Sandalen und weisse Tennissocken trägt. Erst recht nicht gehen Herrenhandtaschen oder Gürteltaschen. Auch sehr häufig zu sehen: Partnerlook bei älteren Ehepaaren, wenn die Ehefrau kurz vor dem Urlaub noch schnell bei Woolworth Windjacken im Doppelpack gekauft hat.
  • Artikulationsfähigkeit:
    Im Supermarkt quer durch die Gänge „Guck mal Uschi, Deine Lieblingswurst hammse hier auch“ zu schreien, wird mit Ausreiseverweigerung nicht unter zwei Jahren bestraft. Darüberhinaus sollte jeder Deutsche zumindest versuchen, sich im Ausland in der Landessprache oder auf Englisch zu verständigen. Allein schon der Versuch, die jeweilige Landessprache anzuwenden, bringt ungemein Pluspunkte und ist viel höflicher als ein hingerotztes „Verstehn Sie ooch Deutsch?“
  • Der Wille zur Integration:
    Wer ins Ausland fährt und sich dann im Restaurant aufregt, dass es keine Bratkartoffeln, Käsespätzle oder Currywurst gibt, muss die nächsten fünf Jahre mit Urlaub in Bielefeld Vorlieb nehmen. Wer im Supermarkt einkaufen geht und nur die Produkte kauft, die er aus dem heimischen PLUS kennt, braucht Deutschland erst gar nicht zu verlassen.
    Grauer Himmel und Regen sind keine persönliche Beleidigung, sondern nennt man „Wetter“. Ist ein Land für sein wechselhaftes Wetter bekannt, kann man sich das Meckern über das schlechte Urlaubswetter sparen. Interessante Sehenswürdigkeiten kann man auch ohne knallende Sonne besuchen. Wer eine Garantie haben will, braun zu werden, kann sich im Assi-Toaster um die Ecke anmelden.
  • Straßen- und Fußgängerverkehr:
    Im Ausland gelten die Straßenverkehrsgesetze des jeweiligen Landes. Mit kleinen Ausnahmen herrscht überall Rechtsfahrgebot, also haben deutsche Caravans bergauf nichts auf der linken Spur zu suchen, wenn sie nicht gerade einen russischen Kleintransporter überholen. Und nur weil man ein Auto mit Stern fährt, hat man noch lange keine Vorfahrt auf der Überholspur. In Fußgängerzonen stellt man sich nur dort hin, um die Krampfadern zu entlasten, wo man den Verkehr der anderen Passanten nicht aufhält. Bei Unterhaltungen ist die Drinnenstimme zu nutzen, denn es interessiert niemanden, wo die Stützstrümpfe jucken. Wenn man schon gestellte Urlaubsfotos machen muss, dann aber wenigstens ohne Winken oder den Schumi-Daumen.
  • Und überhaupt:
    Als Gast verhält man sich dementsprechend. Gast sein heißt die Gepflogenheiten des Urlaubslandes zu respektieren und sie gegebenenfalls mitzumachen. Wer im Ausland deutsche Verhältnisse haben möchte, kann seinen Koffer mit einem Plastikeimer und ein paar Strohhalmen packen und Urlaub auf Malle machen.
    Auslandsurlaub bedeutet auch, sich zumindest rudimentär für die Kultur und Geschichte des Landes zu interessieren. Wer sich weigert, Geld für Museumsbesuche auszugeben, um stattdessen lieber deutsches Fernsehen im Ferienhaus zu gucken, hat es nicht verdient, Urlaub zu haben.

Bei der Schnelligkeit der deutschen Beamten wird es schwer, die Green Card bis zum kommenden Jahr zu etablieren. Denn da will ich wieder Urlaub machen und mich endlich nicht mehr schämen müssen, mich als Deutscher erkennen zu geben.

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9 Antworten zu Green Card für deutsche Auslandsurlauber

  1. M@rtin schreibt:

    Bei einigen Deutschen, wäre diese Regelung auch direkt anzuwenden. Manche sind… nicht oder nur sehr eingeschränkt… tragbar.

  2. Robert schreibt:

    „dann aber wenigstens ohne Winken oder den Schumi-Daumen.“
    Grüße an Scheff: Ich fand die Fotos auch mit super!

  3. Scheff schreibt:

    Hehe ja … just for the memories.

    Hey aber was hast Du gegen Gürteltaschen? Find die ungemein praktisch und hab auch andere Urlauber (nich nur Deutsche) damit gesehen …

  4. Paul schreibt:

    Jau, also Gürteltaschen sind klasse… Und Herrenhandtaschen gehen auch. Nicht alle, aber einige.

    Ansonsten gilt das Zitat von Tucholsky: „Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muß oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind.“

    Das Fehlverhalten im Ausland scheint nationales Erbe zu sein…

  5. martin schreibt:

    […]Wer versagt, darf das Land drei Jahre lang nicht verlassen.[…]
    Falsch. Wer also versagt, kriegt ein Onewayflug im jeweils aktuellen Krisengebiet und darf dort zwischen den Fronten Urlaub machen. Alternativ kriegt er/sie einen kostenlosen Strick und darf sich daran gerne aufhängen.

  6. Robert schreibt:

    Jetzt wirds hart…

  7. Ghost Dog schreibt:

    Nichts gegen Gürteltasche per se. Wenn sie unter dem T-Shirt bleiben und flach am Körper anliegen, um sich vor Dieben zu schützen, habe ich nichts dagegen. Ich hasse aber diese Leder-Gürteltaschen, die den alten Leuten dann vor dem Sack rumbaumeln. Das sieht aus wie ein zu heiss gebratenes Känguruh.

    Und wer Herrenhandtaschen gut findet, der parfümiert sich auch den Schritt.

    @martin: Das wäre ja ein bisschen übertrieben. Diese peinlichen Leute sind unser Problem, also müssen wir mit denen bei uns klarkommen. Für das gute Ansehen würde ich aber keinen von denen aus dem Land rauslassen. Und das Recht zu Leben spreche ich ihnen auch mit ihrer Geschmacks-Lepra nicht ab.

  8. Paul schreibt:

    Jedem das seine, die Dinger können auch ziemlich cool & lässig aussehen. Und sie sind wirklich praktisch…
    Herrenhandtaschen… da mein ich nicht son schw00les Lederzeug, sondern ganz normale Stofftaschen für Männer.
    Die sind auch chic 🙂

    Und noe, die Eier parfümier ich mir nicht.

  9. hermannw schreibt:

    Allgemein glaub ich nach meinen Beobachtunegen jedes Volk blamiert sich im Urlaub so gut es kann. Ich denke da spontan an Ostasiaten (Japaner im Speziellen – unerträglich), Österreicher, Skandinavier (gluck,gluck) und Amis („Hat der Schwarzwald auch sonntags auf?“)sowieso. Von Thommys (gluck, gluck, gluck, gluck, gluck ,gluck, gluck … und anderen Eigenarten) will ich gar nicht reden.

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