Wie zwei Kindergartenfenster meinen Ruf ruinieren

Ganz einfach.

Shuttlebus parkt ein, Motor aus, abschnallen, raus. Mit einer gehörigen Portion Armydrill in der Stimme scheucht der Chauffeur die Passagiere auf den sicheren Gehweg. Anfassen! Klappe halten! Im Gleichmarsch Richtung Eingang, marsch! Nein, nicht hoch auf Papas Arm, auch der Kleinste nicht, ihr könnt alleine hoch, los, flott, das Leben wartet nicht auf euch. Tür auf, hereinspaziert, Tür zu.

Zufällige Zeugen unserer Ankunft am Kindergarten sehen mich manchmal mit einer Mischung aus ängstlichem Respekt und der unausgesprochenen Frage „Also Disziplin ja, aber m u s s das so laut sein?“ an. Ich warte auf den Tag, bis ich unausgeschlafenerweise mal einem Passanten ungefragt ein „Ja, das m u s s so laut sein“ ins Gesicht flatsche.

Nun muss man wissen, dass der Parkplatz vor unserem Kindergarten von etwa, na, wenn nicht sogar noch mehr Wohnungsfenstern eingesehen werden kann. Einige dieser Fenster haben die merkwürdige Eigenschaft, schon am Vormittag diese Kissenlunscher zu umrahmen, ihr wisst schon, diese am Fensterrahmen festgewachsenen Alltagsvoyeure. Wenn der Kindergarten uns verschluckt hat, machen die vermutlich einen zwei drei Striche in ihrem Nachbarschaftsordnungsbuch in der Kategorie „Soldatenvater“.

Komme ich wieder raus, dauert es dreizehn bis fünfzehn Sekunden, und die Striche werden wegradiert. Denn zwei Kindergartenfenster zum Parkplatz hin erlauben einen filmreifen Abschied von Brut und Brüterich, extended version. Also: Ganzarmwinken, Handküsse, neckische Versteckspiele, die Gesichtsmuskeln bis zum Äußersten beanspruchende Mimikduelle, Fratzenkonversation und manchmal auch angedeutete Hampelmännereien.

Nur: Sie stehen auf zwei Stühlen, in einem Kindergartenraum, umringt von einem Haufen johlender Kindergartenkinder. Ich nicht. Ich stehe auf zwei Beinen (außer beim Hampelmann), auf einem Parkplatz, umringt von ankommenden und teils -genervten Kleinfamilien und gefühlten 73 Fensterguckern. Ich könnte mich mit einem verschämten Kurzhandwinken ins Auto flüchten, dann habe ich am Abend ein gehöriges Legitimationsproblem. Ich könnte ihnen aber auch erklären, dass Papa schon ein großer, erwachsener Mann ist, der nun mal nicht auf offener Bühne Straße minutenlange Veitstänze vollführt, nur um derart, hmm, interessant Tschüss! zu sagen.

Ich könnte aber auch schulterzuckend laut Scheißdrauf denken. Und an meinem Handkuss arbeiten.

(ghostdog ist im Urlaub. Aber er kommt wieder.)

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