Das Leben will ein‘ ausgeben, und das will ich sehn

seeed live

Absolut seedkonzerteinstimmend ist es ja, aus der Steppe in die Stadt hineinrollend irgendwo in Mahlsdorf (Hönower Str.) an einer Kreuzung eine abgeblätterte Fassadenreklame zu entdecken, die in Wirtschaftswunderschrift für Wasserpumpen wirbt. Außerdem prima, dass die fette Regenwolke pünktlich ihrem Feierabend entgeben schwebte. Und das Allerschürfste: Fast gleich einen Parkplatz gefunden.

Die Abendsonne begleitete uns noch zu den Plätzen auf halbrechts und ging dann genau so unter wie die vereinzelten Pfiffe, die zwei Stunden nach dem offiziellen Konzertbeginn die Ungeduld der offenbar szeneunkundigen Auf-den-Hauptact-Warter signalisierten. Das Publikum entsprach in etwa dem, was die Spielefabrikanten immer so gerne auf ihre Brettspielschachteln drucken: für Kinder von 2 bis 99 Jahren. Nicht wenige Halb- bis Anderhalb-Familien entdeckt, und später am Abend einen sieben oder acht Jahre alten, völlig unscheinbaren Jungen bewundert, der in puncto Textsicherheit viele der angeschickerten Möchtegern-Caballeros (Patois? Wattndat?) locker an die Wand gebattlet hätte.

Ich habe selten ein Konzert erlebt, wo so ein großer Anteil der Mitfeiernden permanent in entspannter Unruhe war. Jeder bewegte sich irgendwie, auf den oberen Rängen schwangen die Sitzenden wie bei heftigem Seegang, die bierholenden Männer und klowartenden Frauen schoben sich hüftwackelnd die Reihe voran, und selbst die allergrößten Fußwippmuffel schüttelten ihre Arme völlig losgelöst umher, als hätten sie noch nie etwas von Tanzscham gehört.

Der Seeed-Sound war grandios, auf halber Wuhlheidenhöhe wummerte es noch ordentlich, ohne Bassmatsch zu werden. Die Publikumsansprachen beschränkten sich auf ein paar nette Animationen hin und wieder sowie das allgegenwärtige „Berlin!“ (Ich sag‘ B, ihr sagt erlin!). Am allergelungensten fand‘ ich die fein durchkomponierte Liedabfolge, die sowohl Seeed-Hardcorefans als auch den Najagehtso-Hörern jeden Anflug von längeren Weilen spätestens mit dem nächsten Stück Mixmusik (u.a. Aguilera, Timberlake, Frankie goes to Hollywood) vertrieb. Sehr innovativ war der Break zur zweiten Zugabe, der das vorzügliche „Schwinger“ mittendrin mal eben für ein paar Minuten durchtrennte.

Noch bemerkenswert:
– die Unsitte, sich erst fußmüde hinzusetzen und trotzdem nach knapp zwei Stunden elfköpfig vorgetragenem Dancehall meckernderweise nach Hause zu gähnen, der Grönemeyer habe ja drei Stunden und überhaupt das viele Geld …
– der vollkommen masseninkompatible Refrain von „Ding“
– die Erkenntnis, dass frenetisch freistilende Dünnjünglinge trotz freiem Oberkörper in etwa so viel Reggae verkörpern wie ein bekiffter Heinz-Rudolf Kunze im Duett mit den Rockerrebellen von Pur
– mein Vorsatz, am nächsten Wochenende mit Billigung der Schönen unser Haus mit einem formidabel lauten „Aufstehn“ zu wecken
– die hiermit öffentlich gemachte Frage an alle Handy-Nerds, wie viel Strom wohl verbraucht wird, wenn 68 bis 72 Prozent aller Konzertbesucher dieselbe Bühnenszene mit ihrem Telefon knipsen
– das generelle Unvermögen, einen Seeed-Konzertbericht ohne „Dancehall-Caballeros“-Zitat zu schreiben
– die Feststellung, dass es zwar mein erstes, aber definitv nicht mein letztes Mal gewesen ist.

S-drei-e-d – Seeed!

seeed 2

(ghostdog ist im Urlaub. Aber er kommt wieder.)

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Eine Antwort zu Das Leben will ein‘ ausgeben, und das will ich sehn

  1. Ghost Dog schreibt:

    Cooler Bericht! S-3E-D muss eigentlich jeder mal gesehen haben. Selbst, wenn einem die Musik nicht gefällt.

    Etwas offtopic: The Police haben am 1. September in Arhus (Dänemark) ein Konzert gegeben. Für schlappe 100 Euro aufwärts hätte ich Sting und Konsorten gucken und hören können. Anstelle dessen habe ich mir aber lieber zwei Mal das Auto vollgetankt.

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