Durch die Nacht mit … Mark Lanegan (Teil 2)

Lesen Sie im ersten Teil, wie Heini mir das Konzert von Mark Lanegan in Hamburg schmackhaft machte, warum ich Terminkomplikationen hatte und wie ich meinen Vater um sein Auto bat, dabei aber Hamburg durch Schwerin ersetzte.

Kurz bevor wir losfuhren, packte ich noch schnell meine Mad-Season-CD ein in der Hoffnung, ein Autogramm zu bekommen. Heini hatte sich eine Handvoll Platten zum gleichen Zweck mitgenommen, darunter auch das damals aktuelle Lanegan-Album „Scraps At Midnight“. Wir wussten nicht wie groß der Club war, in dem das Konzert stattfand und wie voll es werden würde, aber vielleicht ergab sich ja die Möglichkeit, an die Musiker zu kommen.

Es waren etwa 300 Kilometer, die wir in unter vier Stunden schaffen mussten, um sicher den Beginn des Konzerts zu schaffen. Wir verließen Berlin auf der Autobahn Richtung Norden und machten gleich an der ersten Abzweigung, an der man einen Fehler machen kann, einen Fehler. Am Autobahnkreuz Wittstock/Dosse fuhren wir nicht rechts ab, um auf die A24 Richtung Hamburg zu kommen, sondern blieben auf der Autobahn, die dort zur A19 wird und nach Rostock führt. Das haben wir auch sofort mitbekommen, jedoch dauerte es gefühlte 50 Kilometer, bis die nächste Abfahrt kam. Um Zeit zu sparen, wendeten wir nicht, sondern suchten uns auf der Karte eine Abkürzung, die uns zurück zur A24 bringen sollte. Ungefähr im gleichen Moment wurde der Himmel dunkel und Platzregen setzte ein.

So fuhr ich dann mit vollem Karacho leicht überhöhter Geschwindigkeit auf verlassenen Mecklenburg-Vorpommerschen Landstraßen durch den Regen, um es noch pünktlich nach Hamburg zu schaffen. Wir kamen eine kleine Ewigkeit später wieder an der Autobahn an und konnten nun endlich nichts mehr falsch machen.

Gegen 20 Uhr erreichten wir Hamburg. Der Club „Logo“, in dem das Konzert stattfand, ist ziemlich im Zentrum der Stadt. Wenn man aber die Entfernungen von Berlin gewohnt ist, dann ist Hamburg wie ein Dorf. Wir sind etwa eine halbe Stunde lang planlos durch die Innenstadt gerast, bis wir gemerkt haben, wie klein Hamburg ist. Dann war alles einfach. Überpünktlich kamen wir an und ein paar Freunde von Heini, die die Reise nach Hamburg mit dem Zug absolviert hatten, waren auch schon da. Der Club war nicht sehr groß – es passten knapp 200 Leute rein, aber mehr als 50 waren nicht da.

Als Support stieg gegen halb zehn Mike Johnson auf die Bühne. Heini kannte ihn, ich nicht. Heini sagte vorher „Der ist auch sehr gut“ und natürlich hatte er recht. Mike Johnson ist eigentlich Bassist, der Ende der Achtziger bei Dinosaur Jr. eingestiegen ist, später unter anderem bei Queens Of The Stone Age dabei war und regelmäßig in der Mark Lanegan Band spielt. Er hat aber auch eigene Alben rausgebracht, von denen mir Heini kurz nach unserem Hamburg-Trip die „I Feel Alright“-CD schenkte. Mike Johnson spielte ein Solo-Akkustik-Set, wir standen direkt vor der Bühne. Mitten in seinem Auftritt, sein Gitarrenkoffer stand direkt vor uns, schnappte ich mir als Souvenir den dort angebrachten Gepäckanhänger, auf dem die Privatadresse von Johnson stand (was aus dem Zettel geworden ist, weiss ich aber nicht mehr).

Mark Lanegan legte dann später ein tolles und vor allem lautes Konzert hin. Der Club war mittlerweile fast voll und der Großteil des Leute schien auch nicht zufällig vorbeigekommen, sondern richtige Fans zu sein.

AboveWir blieben nach dem Konzert noch da und ich hörte den Jungs zu, wie sie über die Songauswahl fachsimpelten. Kurz darauf entschlossen wir uns den Versuch zu starten, Autogramme zu bekommen. Die Musiker waren in einem Raum direkt neben der Bühne und saßen dort herum. Wir klopften an und gingen rein. Die Jungs holten ihre Platten raus, ich meine CD. Jeder von uns bekam Autogramme, jedoch war auf dem Nachhauseweg das Autogramm auf meiner CD das meistbeachtete. Lanegan hatte auf die Schwarz-Weiss-Grafik meines „Above“-Booklets mit einem silbernen Lackstift unterschrieben. Und das sieht bis heute verdammt edel aus.

Die Freunde von Heini wollten auf der Rückreise mit dem Auto mitkommen. Da ich der Fahrer war und Heini meinte er wäre der DJ und müsse vorne sitzen, um an das Autoradio zu kommen, mussten die drei sich hinten auf die Rückbank quetschen. Gegen ein Uhr nachts traten wir die Heimfahrt an, fuhren aber noch in Hamburg an eine Tankstelle, um nicht teuer auf der Autobahn tanken zu müssen.

Schon damals mochte ich es, beim Tanken auf runde Beträge zu kommen. Ich stand also mit dem Tankschlauch in der Hand am Tank des Toyotas und füllte Benzin ein. Es passten knapp 30 Liter rein, bis die Pistole das erste Mal automatisch den Benzinfluss stoppte. Aber es war noch kein runder Betrag erreicht, also drückte ich immer weiter auf die Pistole. Alle paar Sekunden stoppte der Benzinfluss automatisch, aber ich hatte nur Augen für den Zielbetrag und drückte immer wieder, um noch ein paar Milliliter mehr Benzin reinzudrücken.

Als ich den Tankrüssel dann aus dem Tank holte, sah ich, wo die letzten anderthalb Liter Benzin hingeflossen waren. Die eine Hälfte lief am Auto herunter und der Rest saugte sich gerade in meine Hose. Ich schickte Heini rein zum bezahlen, denn ich stank mittlerweile wie ein Molotov Cocktail. So konnte ich nicht wieder ins Auto steigen. Kurzerhand zog ich mir noch an der Zapfsäule die Jeans aus und warf sie in den Kofferraum. Die drei Jungs auf der Rückbank hatten ihren Spaß und freuten sich, meinen schicken Schlüpfer sehen zu dürfen. Ich stieg schnell wieder ins Auto, um mich vor den belustigten Blicken der anderen Leute zu schützen. Heini kam vom Bezahlen zurück, legte den Kassenbon in eines der Fächer unter dem Autoradio und lachte mich kräftig aus.

Nur mit T-Shirt und Schlüpfer bekleidet ging es also los auf die Autobahn Richtung Berlin. Da der Kofferraum hochgradig explosionsgefährdet war, einigten sich alle schnell darauf, während der Fahrt auf das Rauchen zu verzichten. Ich war müde und hatte Angst, dass das Auto explodiert. Aber noch größere Angst hatte ich vor der Polizei, die mich anhalten und aufgrund meiner Klamottenwahl falsche Schlüsse ziehen könnte.

Die Fahrt verlief glücklicherweise problemlos – bis auf eins, zwei kurze Sekundenschlafphasen, die ich etwa 100 Kilometer vor Berlin hatte. Ich fuhr an die nächste Raststätte und die Jungs rauchten in sicherem Abstand zu meiner Jeans eine Zigarette. Den Rest der Strecke sollte dann Thomas ans Steuer, der offensichtlich riesige Freude verspürte, endlich mal ein Auto mit über 100 PS zu fahren, denn wir verließen den Rastplatz mit durchdrehenden Reifen.

Gegen fünf Uhr war ich zu hause. Heini war der letzte, den ich vor seiner Tür abgesetzt hatte und ich parkte das Auto bei uns auf dem Hinterhof. Die Jeans in der einen, meine signierte CD in der anderen Hand, ging ich in die Wohnung, duschte mir das Benzin ab und frühstückte schnell. Denn um halb sieben musste ich auch schon wieder los, um es noch rechtzeitig zu meiner Musterung zu schaffen.

Da ich den Wehrdienst verweigern wollte, war es mir egal, wie ich eingestuft wurde, aber zur Untersuchung musste ich so oder so. In der S-Bahn bin ich kurz eingeschlafen, hatte aber Glück, genau aufzuwachen, als ich aussteigen musste. Die Musterung zog sich dann über fast zwei Stunden hin und ich war erst nach 10 Uhr fertig.

Da ich nur für die Musterung vom Unterricht befreit war, musste ich danach direkt zurück in die Schule. Ich kam so gegen 11 in der Klasse an und musste meinen männlichen Mitschülern haarklein berichten, wie die Musterung war. Ich ließ auch den Teil nicht aus, als der Doktor mich bat, meinen Zweitschlüpfer runterzuziehen und mich vorzubeugen. Das hat die Vorfreude der anderen auf die eigene Musterung ins Unendliche gesteigert.

Nach der Schule kam ich nach Hause, wo mein Vater schon auf mich wartete. Er fragte mich wie es denn in Schwerin gewesen sei, ob das Konzert schön war – und warum ich mir den langen Umweg über Hamburg gemacht hätte, nur um dort zu tanken.

Ich hatte die verdammte Tankquittung im Auto vergessen.

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4 Antworten zu Durch die Nacht mit … Mark Lanegan (Teil 2)

  1. massenpublikum schreibt:

    Einen sehr besonnenen Vater hast Du da.

    Übrigens, auch wenn es Dir heute natürlich nichts bringt: Du hast ein Recht darauf, bei der Musterung Deine Klamotten am Körper zu behalten. Du hättest also das Ausziehen Deines Zweitschlüpfers verweigern können.

  2. Alexander Stritt schreibt:

    Ich sag nur:

    Scheiße…das mit dem Tankzettel…

    Alexander Stritt

  3. Caipi schreibt:

    Hahah^^

    Und, gabs ein Nachspiel?

  4. Ghost Dog schreibt:

    @massenpublikum: Das wurde mir damals nach der Musterung auch von einem Kumpel erzählt. Diese Information kam am leider zu spät.
    @Caipi: Es gab keine Bestrafung oder so. Ich bin nur bis heute bei Familienfesten der Running Gag, wenn die Geschichte erzählt wird. Aber das war es absolut wert.

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