Durch die Nacht mit … Mark Lanegan (Teil 1)

Heini war und ist ein guter Freund von mir. Wenn er mir sagt, dass eine Band gut ist, dann werde ich sie lieben. Wenn er mir sagt, dass eine Band schlecht ist, spare ich viel Geld.

Im Oktober 1998 sagte er mir folgende Worte: „In ein paar Tagen ist in Hamburg ein Konzert von Mark Lanegan, der Typ ist der Hammer!“ Ich hatte noch nie von Mark Lanegan gehört und auch der Begriff Screaming Trees war mir bis dahin kaum geläufig. „Lanegan kommt aus Seattle und hat auch schon mit Eddie Vedder zusammengearbeitet.“ Das reichte mir schon, denn bereits damals waren Pearl Jam meine Lieblingsband und wenn Eddie mit Mark Lanegan zusammen Musik macht, dann muss der ja gut sein. Er sagte mir noch, dass Mark Lanegan auch bei Mad Season und dem Album „Above“ mitgemacht hatte und spätestens zu diesem Zeitpunkt war ich angefixt.

Er hatte mich also überzeugt, zu einem Konzert zu fahren, das etwa 300 Kilometer von Berlin entfernt stattfinden sollte – von einem Typen, von dem ich noch nie auch nur eine Sekunde Musik gehört hatte (ausser seinen Backgroundvocals bei „Long Gone Day“ und „Above“). Ich war vor 1998 auch noch nie in Hamburg und hatte noch nie Berlin verlassen, um ein Konzert zu besuchen.

Heini wollte am liebsten mit einem Auto fahren. Er hatte keinen Führerschein, also blieb von uns beiden nur ich übrig. Er wollte aber von seinem Vater nur ungern ohne dessen Wissen das Auto „borgen“ (seine Erlaubnis hätte er sowieso nie bekommen, das Familienauto einem nur flüchtig bekannten Schulkameraden zu geben, der damit dann über Nacht nach Hamburg fährt). Ich musste also meinen Vater um das Auto bitten.

Ich hatte im Frühjahr zuvor den Führerschein gemacht und es war jedes Mal eine Qual, meinen Vater zu fragen, ob ich seinen geliebten roten Toyota haben dürfte, selbst wenn ich nur vom Prenzlauer Berg nach Pankow fahren wollte. Das sind knapp 5 Kilometer. Ihm das Reiseziel Hamburg unterzujubeln, sollte ungleich schwieriger werden, gerade vor dem Hintergrund, dass wir am Tag des Konzerts abends um 17 Uhr in Berlin losfahren und nach dem Konzert nachts wieder nach Hause kommen wollten.

Exkurs: Mein Leben ist geprägt von zwei Extremen: Entweder sitze ich rum und habe keine Termine, oder sie stapeln sich alle gleichzeitig. Das fängt an bei Kleinigkeiten wie der zeitlichen Überschneidung von Babyschwimmen und Fußballtraining, geht über die Feier zum 70. Geburtstag meiner Oma ausgerechnet* am Tag des WM-Achtelfinals gegen Schweden, bis hin zu jenem Oktobertag 1998. Denn das Konzert fand am 12. Oktober um 21 Uhr in Hamburg statt und ich hatte am 13. Oktober um 8 Uhr in Berlin Niederschöneweide meine Musterung.

Schule schwänzen wäre ja kein Problem gewesen, aber das Hoserunterziehen vor der Bundeswehr war eine Pflichtveranstaltung, die ich nicht ungestraft verpassen durfte. Also stand der Plan fest, dass wir nach der Schule mitten im Feierabendverkehr den Weg gen Norden auf uns nehmen wollen, um dann direkt nach Konzertende die Heimreise anzutreten.

Mir stand eine schlaflose Nacht und 600 km Autofahrt bevor, aber nur, wenn mein Vater mitmachte.

Da die Geschichte schon absurd genug war, entschied ich mich spontan dazu, das Reiseziel Hamburg zu verschweigen und etwas näher Richtung Berlin zu verschieben, um die Chancen zu erhöhen ein „Ja“ zu bekommen. Ich sagte ihm, dass Heini und ich zu einem Konzert nach Schwerin fahren wollen.

Es sind zwar auch mehr als 200 Kilometer nach Schwerin, aber wenigstens blieben wir im Osten, war meine Überlegung. Den Kilometerstand wird er hoffentlich nicht exakt überprüfen – zur Not müsste ich mir noch eine Story ausdenken, die den Satz „Wir haben uns um 200 Kilometer verfahren“ beinhaltete.

Nach einigem Hin und Her und diversen Nachfragen meiner Eltern bekam ich doch tatsächlich das Okay! Ich hatte es geschafft. Schwerin Hamburg Mark Lanegan – wir kommen!

Ich sagte Heini bescheid und er war ebenso begeistert. Es waren noch zwei Tage bis zu unserem großen Abenteuer. Heini überraschte mich mit der Ankündigung, mich zum Konzert einzuladen, woraufhin ich mich mit einem sehr seattle-lastigen Mixtape für die Fahrt revanchierte.

Am Morgen der Fahrt schmierte ich mir sogar Stullen, damit ich während der Fahrt keinen Hungerast erleiden müsste. Die längste Strecke, die ich bis dahin am Stück mit dem Auto zurückgelegt hatte, waren die knapp 80 Kilometer zu meinen Großeltern im Sommer. Das war schon anstrengend gewesen, besonders weil mein Vater auf dem Beifahrersitz saß und meine Fahrtüchtigkeit argwöhnisch begutachtete.

Der erste kleine Fauxpas an diesem 12. Oktober, dem ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht so viel Bedeutung schenkte, war meine fast leere Unterhosenschublade. Alle meine Boxershorts waren in der Wäsche. Da Mutti noch nicht gewaschen hatte, musste ich mir zum ersten Mal seit Jahren wieder einen Slip anziehen. War aber egal, dachte ich, Frauen abschleppen werde ich an diesem Tag sowieso keine. Und außer mir wird niemand meinen grauen und leicht ausgeleierten Schlüpfer zu sehen bekommen. Wie ich mich doch täuschen sollte.

Lesen Sie in Kürze im zweiten Teil, wie wir die Reise nach Hamburg machten, ein großartiges Konzert besuchten, mein Schlüpfer ins Spiel kam und auch die Hamburg-Lüge nicht unentdeckt bleiben sollte.

*Zum Wörtchen „ausgerechnet“, der Lieblingsvokabel aller Sportreporter, wird bestimmt auch noch mal ein gesonderter Eintrag folgen.

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10 Antworten zu Durch die Nacht mit … Mark Lanegan (Teil 1)

  1. frida schreibt:

    teil 2 teil 2 teil 2 teil 2!!!!

  2. Caipi schreibt:

    *anschließ*

    Teil 2, Teil 2, Teil 2!!
    *gespannt bin*

  3. massenpublikum schreibt:

    Ja. So eine Unverschämtheit. Du hast gewonnen. Wir sind gespannt. Los!

  4. Alexander Stritt schreibt:

    Wo ist der verdammte Teil 2??

    Nicht weil der text so interesant geschrieben ist nein.

    sondern weil mich deine Geschichte an meine zeit erinnert, als ich den Führerschein noch nicht lange hatte und auch immer um das auto meines Dad´s betteln musste.

    Aber das 80km anstrengend sind?? Naja..was bist du denn für ein Waschei??

    Und das mit den Boxershorts…
    ich meine das frauen nicht auf Boxershorts stehen. Schon gleich nicht wenn sie so rumschlabbern.

    Und irgendwie schätze ich dich so ein (keine Ahnung warum) das du auf deinen shorts auch noch so Goofy und Mickey Mouse trägst.

    natürlich kann ich mich täuschen!!

    Was ich sagen wollte:

    Keine schlabberigen boxershorts!
    Keine langweiligen Slips!!

    RETROSHORTS!! Das ist das Geheimrezept!!

    du weißt nicht was das ist??

    Selberschuld….ich sag nur die armen Frauen…

    Warum schreibe ich eigentlich soviel??

    Egal..

    Teil 2 bitte!! Danke!!

    Alexander Stritt

  5. Ghost Dog schreibt:

    @frida: Kommt heute nacht.
    @caipi: Kommt heute nacht.
    @massenpublikum: Kommt heute nacht.
    @Alexander Stritt: Teil 2 kommt heute nacht. Zum Thema Boxershorts: Bisher kamen noch nie Beschwerden von Damen, die mich in Boxershorts gesehen haben. Denen scheinen sie zumindest bei mir zu gefallen. Und ja, Du täuschst Dich – kein Goofys, keine Micky Mäuse. Bei mir kommt nur Benjamin Blümchen auf die Hose.

  6. Caipi schreibt:

    Mit Rüssel-Ausleger? ^^

  7. Ghost Dog schreibt:

    Mit extrakurzemlangem Rüsselausleger!

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