Wie ich eine Stunde lang hinter dem Arsch von Vera saß

Talkshows sind nicht mein Ding. Prollige und intelligenzarme Unterschichtenrepräsentanten setzen sich in einem Fernsehstudio ins Rampenlicht, um sich für 200 Euro Aufwandsentschädigung vor den arbeitslosen Zuschauern an den Fernsehgeräten zum Affen zu machen. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Ich war nämlich mal bei so einer Talkshow.

Vor etwa 5 Jahren wurden dem Gumpen und mir jeweils 2 Publikumskarten für die Talkshow „Vera am Mittag“ angeboten. Nachdem wir die Vorteile (kostenlose Getränke, mal ein Fernsehstudio von innen sehen, sich live über die dicke Vera lustig machen) und Nachteile („Und wenn uns jemand im Fernsehen erkennt?“ ) abgewogen hatten („Das guckt doch sowieso keiner von denen, die wir kennen!“), sagten wir zu. Wir luden noch zwei weitere Bekannte ein, uns zu begleiten.

Wir fuhren also an einem schönen Herbsttag nach Babelsberg, wo die Sendung produziert wurde. 5 Sendungen arbeitete Vera int Veen an einem Tag ab und zwischen den Aufzeichnungen wurden die Zuschauer ausgetauscht.

Nachdem sich für uns die Türen geöffnet hatten, gingen Gesichtskontrolleure durch die Reihen und setzten die hässlichen Leute aus dem Schwenkwinkel der Kameras weg in die oberen Reihen und die Ansehnlicheren weiter nach vorn. Wir hatten uns Plätze in der 3. Reihe ausgesucht und wurden nicht mehr umgesetzt, was ich später bereuen sollte.

Nachdem die Reise nach Jerusalem beendet war und jeder Zuschauer auf dem richtigen Platz saß, betrat der Warm-Upper die Bühne, um die Leute mit semiwitzigen Sprüchen und kurzen Anweisungen („Laut klatschen, wenn Vera rauskommt!“ „Ruhig mit den Füßen trampeln!“ „Vor und nach den Werbepausen auch laut klatschen!“) auf die kommende Stunde vorzubereiten. Und um die Lernfähigkeit des Publikums zu testen, suchte er sich einen Dummen aus, der Vera als Bodydouble (sic!) vertreten und zum Test auf die Bühne treten sollte. Und wen wählte er? Sie ahnen es: Mich. 200 Leute im Publikum und ich war der Auserwählte. The Chosen One. Der Typ, der Vera doubelt.

Ich bin dann nach kurzen Protesten widerwillig hinter die Pappkulisse gestiefelt, wo es alles andere als schique aussah. Dort stand ein Imbisstisch mit Wachsdecke, ansonsten nichts. Ich wartete hinter der Bühne, bis der Warm-Upper seine Witze fertigerzählt und „Vera“ angekündigt hatte und trat auf die Bühne. Das Publikum tobte wie befohlen. Das ganze dauerte knapp eine Minute, dann war die Peinlichkeit vorüber. Ich setzte mich wieder auf meinen Platz und war mir sicher, dass es schlimmer nicht mehr werden konnte. Konnte es doch.

Denn was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Vera hatte einen Stammplatz im Publikum, von dem aus sie ihre Show leitete. Und dummerweise war das genau vor mir.

Als die Sendung losging – ich weiss das Thema schon gar nicht mehr, so belanglos war es – kam Vera raus und eröffnete zum vierten Mal an diesem Tag ihre tägliche Show. Sie nahm ihren Stammplatz ein, es wurde dunkel und ich konnte von der Bühne nur noch die Hälfte sehen. Die Hoffnung, hinter ihrem Hintern von den Fernsehkameras nicht entdeckt zu werden, hatte ich nach kurzer Zeit aufgegeben.

Sie verließ ihren Platz nur dann, wenn sie in den Werbepausen zum Pudern gerufen wurde. Eine Stunde lang saß ich also stocksteif und immer darauf achtend, nicht zu popeln oder Vera auf den Hintern zu gucken, auf meinem Sitz und zählte die Sekunden bis zum Ende.

Ein paar Monate später, ich hatte den Tag schon fast wieder vergessen, saß ich eines Mittags nichtsahnend in der BWL-Vorlesung, als ich gegen halb eins auf einmal ein leichtes Surren in der Leistengegend vernahm: mein Telefon vibrierte. Meine Großeltern! Weggeklickt. Eine Minute später: Wieder Vibrieren: Meine Tante! Weggeklickt. Wieder eine Minute später: Noch eine Tante! Langsam wurde ich unruhig. Mich ruft doch sonst nie jemand an. Gab es etwa einen Zwischenfall in der Familie? Ich ging aus dem Hörsaal und nahm ab. „Hallo?“ „Ja, hallo, hier ist Tante Edeltraut (Name von der Redaktion geändert). Ich hab Dich grad bei „Vera am Mittag“ gesehen! Du warst immer direkt hinter Vera im Bild! Ich hab Dich die ganze Zeit gesehen!“ „Grmpf…“

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7 Antworten zu Wie ich eine Stunde lang hinter dem Arsch von Vera saß

  1. andreschneider schreibt:

    Erinnerung an mich selbst: Trackback machen. Geile Story, musste gut grinsen. 🙂

  2. randoni schreibt:

    wunderbare geschichte! hehe…danke 🙂

  3. andreschneider schreibt:

    Jö, dem GhostDog sein Blog ist super. Hab den auch gleich verlinkt. 🙂

  4. Mark schreibt:

    Es gucken wohl doch nicht nur Arbeitslose Vera…

  5. Sebastian schreibt:

    Hey, das waren DEINE 15 Minuten Ruhm. Einfach so verpulvert. Trottel! *just kidding*

  6. Ghost Dog schreibt:

    Nachtrag: Eine tolle Zusammenfassung über die Show „Vera am Mittag“ findet man hier: http://www.fernsehlexikon.de/sendungen/vera-am-mittag/

  7. Pingback: Libidös « André Schneider

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