Der Choleriker

Das ist die Geschichte von Bernd, der einen Studentenjob in einer Kunstgalerie annahm und dann eine der größten Enttäuschungen seines Lebens erfuhr. Ich habe seine Ausführungen hier niedergeschrieben. Falls es teilweise zu verschachtelt und langatmig ist, dann ist das der Rage Bernds zuzuschreiben, der alles einfach einmal loswerden wollte.

Es begab sich im August, als Bernd von einer ihm nahe stehenden Dame einen Job angeboten bekam. Da Bernd gerade keine Arbeit und auch kein Geld hatte, überlegte er nicht lange und nahm das Angebot an. Die Dame ist Chefin einer kleinen, aber feinen Buchhaltungsfirma und zählt unter anderem eine Kunstgalerie zu ihren Mandanten. Die Galerie, nennen wir Sie EOB Galerie, hätte, so meinte die Dame, organisatorische Defizite und bräuchte einen Mitarbeiter, der dort jeden Tag für zwei Stunden das Büro, den Schriftverkehr und sonstige aufkommende Aufgaben organisiert und erledigt. Da der Geschäftsführer der EOB Galerie, nennen wir ihn Herrn Neuling, zwar viel von Kunst, aber wenig vom Unternehmertum versteht, von Dingen wie Steuer, Buchhaltung, Organisation und dem Tagesgeschäft an sich am besten nichts wissen will und auch selbst keine Mitarbeiter offiziell einstellen möchte, wurde Bernd angeboten, als Mitarbeiter der Buchhaltungsfirma eingestellt zu werden, aber nahezu ausschließlich für die Galerie tätig zu sein. Die Galerie und die Buchhaltungsfirma einigten sich daraufhin auf einen Auftrag, in dem der Arbeitsumfang und die Tätigkeitsgebiete von Bernd festgelegt wurden.

Schon mit Beginn seiner Tätigkeit begann Bernd, das Ausmaß der „organisatorischen Defizite“ zu begreifen. In der Galerie gab es vier Personen, die regelmäßig Emails bekamen und verschickten. Zu seiner Verwunderung stellte er aber fest, dass alle vier Personen die gleiche Emailadresse und das gleiche Benutzerkonto benutzten. Wenn jemand also eine Email an die Galerie schickte, lag die Chance bei 25 %, dass sie auf Anhieb vom gewünschten Empfänger geöffnet wurde. Interner Emailverkehr fand auch statt. Dafür wurden Emails an „sich selbst“ geschickt.
Als Emailprogramm dient Outlook. Jedoch wurden Emails weder jemals kategorisiert noch gelöscht, es gab kein Archiv und auch keinen Spamschutz. Die Outlook.pst hatte demzufolge die stattliche Größe von etwa 2 GB. Die Rechnung, wie viele Emails das bei einer durchschnittlichen Emailgröße von etwa 20-40 KB sind, wird dem Leser überlassen.

Bernd begann damit, jedem Mitarbeiter eine eigene Emailadresse und ein eigenes Benutzerkonto einzurichten. Die nächsten zwei Wochen verbrachte er damit, eine grobe Struktur in den alten Outlook-Ordner zu bekommen, Emails nach Korrespondenzen mit den wichtigsten Kunden bzw. Künstlern, sowie Themen (Newslettern, Rechnungen usw. ) zu sortieren, Spammails aus fast 6 Jahren zu löschen und doppelt (dreifach und teilweise auch vierfach) vorhandene Emails zu entfernen.

Da Bernd keinen eigenen Schlüssel für die Galerie und die dazugehörigen Büros hatte, musste er Herrn Neuling jeden Morgen um 8 aus dem Bett klingeln. Dieses Bett stand praktischerweise im Hinterzimmer eines der beiden Büros und es halten sich Gerüchte, dass Herr Neuling dort nur „eingezogen“ sei, weil er aus seiner Wohnung rausgeflogen ist.

Ansonsten hatte Bernd nicht viel mit Herrn Neuling zu tun, denn wenn er mal eine Frage stellte, kam meist die Antwort „Darum musst Du Dich selbst kümmern, dafür bist Du doch da. Ich habe keine Zeit für sowas“. Also suchte sich Bernd seine Aufgaben selbst, überlegte sich organisatorische Änderungen und sprach sie meist mit den beiden netten Assisteninnen ab, von denen eine auf Honorarbasis und die andere zum Nulltarif in der Galerie arbeiten.

Bernd bekam nach ein paar Wochen von Herrn Neuling den Auftrag, sich mit der Künstlersozialkasse und dem Finanzamt in Verbindung zu setzen, denn beide Behörden hatten kürzlich einen Kontopfändungsbescheid geschickt. Das fand Herr Neuling nicht toll, denn bei einer Pfändung wäre die Galerie nicht mehr weiterzuführen gewesen. Seit über einem Jahr hatte es Herr Neuling erfolgreich geschafft, sämtliche Schreiben, Rechnungen, Rückmeldungsaufforderungen und Mahnungen zu ignorieren. Es war nun Bernd vergönnt, alles wieder hinzubiegen. Und so fing er an, mit der Künstlersozialkasse zu telefonieren und dem Finanzamt ein ausführliches Schreiben aufzusetzen. Mit Erfolg, denn beide Kontopfändungen konnten abgewendet werden. Jedoch bekam Bernd von der Künstlersozialkasse die Auflage, Belege der letzten sechs Jahre zu liefern, auf denen quittiert ist, wann und wieviel die Galerie Künstler für ihre Künste bezahlt hat.

Dafür musste er in das „Archiv“ (Typ Altbaukeller mit feuchten Wänden) hinabsteigen und sich durch teilweise sechs Jahre alte, aufgequollene Kartons mit unsortierten Akten, Schreiben, Rechnungen, Quittungen und Katalogen durchwühlen.

Nach einer etwa einwöchigen Suche hatte Bernd alle Belege gefunden, doch er durfte sie nicht an die Künstlersozialkasse schicken. Herr Neuling sortierte nämlich einen nicht unerheblichen Teil der Belege aus. Wenn er schon bezahlen muss, dann bloß nicht zu viel!

Die Künstlersozialkasse wartet heute noch auf die im September angeforderten Belege.

Herr Neuling, das bekam Bernd schnell mit, hält nicht sehr viel von Zahlungsmoral. Er nimmt gern Dienstleistungen in Anspruch, die er entweder nicht bezahlen kann oder will. Er kauft auch gern Dinge auf Rechnung, die er dann monatelang nicht bezahlt. Herr Neuling macht da auch keinen Unterschied zwischen Freunden und normalen Geschäftspartnern. Die tägliche Post besteht zu etwa einem Viertel aus neuen Rechnungen, einem Viertel Werbung und Einladungen zu Vernissagen, einem Viertel normaler Post und einem Viertel Mahnungen oder Inkassobüroschreiben. Auf Mahnungen, zweite und dritte Mahnungen wird oft erst dann reagiert, wenn die Mahngebühren den Zahlbetrag fast verdoppelt haben oder ein Inkasso-Unternehmen anklopft.

Dass Bernd von der fehlenden Zahlungsmoral kurz darauf auch betroffen sein würde, wusste er zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Auch kam es vor, dass Bernd Telefonanrufe entgegennehmen musste, in denen Dienstleister, die teilweise seit mehr als einem halben Jahr auf die Bezahlung einer Rechnung warteten, Herrn Neuling sprechen und sofort ihr Geld haben wollten. Für diese Leute war Herr Neuling aber nie zu sprechen, denn er hatte „keine Zeit für sowas“.

Herr Neuling sieht viel von der Welt. Als Galerist ist er fast jede Woche in einem anderen Land, um Werke „seiner“ Künstler zu verkaufen. Werke verkaufen, das kann er wirklich. Was er nicht kann, ist alles andere, was mit Betriebswirtschaft zu tun hat. Und er versucht es auch gar nicht erst, sich damit zu befassen. Er ist zwar Geschäftsführer, aber die Geschäfte sollen andere führen. Und mit „andere“ waren Bernd und die beiden Assisteninnen gemeint.

Da Herr Neuling nun kaum noch morgens um 8 da war, um Bernd die Türen zu öffnen, bekam Bernd im Oktober einen Schlüssel. Mit diesem kam er zwar in die Galerie, aber nicht in die Büros. Denn es gab für Bernd und die beiden Assistentinnen insgesamt nur 3 Schlüssel, von denen jeder zu einem anderen Schloss passte. Wenn Bernd ins Büro wollte und keiner da war, hatte er eben Pech. Wenn eine der beiden Assisteninnen in die Galerie wollte und die andere war nicht da, hatte sie genauso Pech. Dass das die Arbeit nicht unbedingt erleichterte, muss nicht näher erläutert werden.

Glücklicherweise stand einer der beiden Computer mittlerweile in der Galerie, so dass Bernd von dort aus Zugriff auf seine Dateien, Emails und den Datenserver hatte. Das Faxgerät, der Drucker sowie sämtliche Unterlagen lagen leider in den Büros und da kam er nur selten rein.

Wie schon oben erwähnt, ist Herr Neuling sehr zurückhaltend, wenn es um die Zahlung von Rechnungen geht. So hat er jetzt schon seit 3 Monaten keine Rechnungen mehr an Bernds Chefin bezahlt, was auch Bernds Gehalt mit einschließt. Bernds Chefin konnte zwar noch ein Monatsgehalt aus ihrer eigenen Tasche bezahlen, aber seitdem hatte auch Bernd kein Einkommen mehr. Er war darum sogar dazu gezwungen, sich einen zweiten Job zu suchen.

Bernd und seine Chefin sind nun schon seit 3 Monaten wöchentlich dabei, Herrn Neuling endlich zur Zahlung der offenen Rechnungen zu bewegen. Und Herr Neuling hat es jede Woche aufs Neue geschafft, sich tolle Ausreden auszudenken. Die schönsten Ausreden waren immer die, bei denen er gesagt hat, dass er soeben eine Überweisung gemacht hat. Er hatte schon Übung darin, denn er wurde schon nicht mal mehr rot beim Lügen.

Das alles ist aber nur die Vorgeschichte zu den Ereignissen, die sich gestern abgespielt haben:

Am Tag zuvor hatte Herr Neuling in einem Telefonat mit Bernds Chefin vereinbart, dass er nun endlich alle offenen Posten bezahlt. Sie gab Bernd einen Überweisungsträger mit der Anweisung, ihn von Herrn Neuling unterzeichnen zu lassen und (Zitat ) „nicht vorher zu gehen, bis er die Überweisung unterschrieben hat.“

Gestern morgen war Herr Neuling dann mal wieder in der Galerie, wo Bernd schon auf ihn wartete, denn er brauchte dringend Unterlagen aus dem Büro, um die Künstlersozialkasse weiter hinhalten zu können. Denn auch dort musste Bernd seit Monaten mit Ausreden um Aufschub der Fristen bitten.

Im Büro legte Bernd Herrn Neuling dann den Überweisungsträger vor, mit der Bitte ihn, wie mit Bernds Chefin telefonisch vereinbart, zu unterschreiben. Er schaute sich den Betrag an, meinte, dass er das jetzt nicht unterschreibe, sondern am Freitag mit Bernds Chefin beim Termin klären wird. Daraufhin meinte Bernd, dass er aber den Auftrag habe, nicht zu gehen, bevor die Überweisung nicht veranlasst ist.

In diesem Augenblick verlor Herr Neuling komplett die Fassung, sagte, dass Bernd ihm den Galerie-Schlüssel geben und sofort verschwinden solle. Er meinte weiter, dass er sowieso nicht wüsste, was Bernd die ganze Zeit in der Galerie mache, er nichts von dem, was er Bernd aufgetragen hat, erledigt habe und er ausserdem keine Lust auf eine Diskussion hätte, weil er viel zu tun hat.

Bernd wusste nicht wie ihm geschieht. Auf den Einwand, dass er ohne Schlüssel für die Büros nur eingeschränkt handlungsfähig sei, reagierte Herr Neuling überhaupt nicht. Als Bernd dann anfing, aufzuzählen, wie viele Behörden er Herrn Neuling die letzten Monate vom Hals gehalten habe und dass er dadurch wahrscheinlich mehrere 10000 Euro gespart hat, weil Bernd diverse Kontopfändungen verhindern konnte, drohte er die Polizei zu rufen und Bernd wegen Hausfriedensbruchs zu verklagen. Herr Neuling nahm sogar den Telefonhörer in die Hand und begann zu wählen, aber als er sah, dass Bernd davon unbeeindruckt war, traute er sich dann doch nicht den Anruf durchzuziehen und legte wieder auf.

Bernd versuchte es nochmal, eine sachliche Diskussion zu führen, aber Herr Neuling antwortete stets mit „Gib mir den Schlüssel und verschwinde endlich, ich diskutiere nicht mit Dir!“ Nach ein paar Minuten gab Bernd auf und ging nach hause.

Noch Stunden später war es Bernd kaum möglich, das Geschehene in klare Worte zu fassen. Er war zum einen froh, dass er sich zusammengerissen hat und nicht handgreiflich wurde, konnte es aber auch nicht verstehen, wie seine Arbeitskraft so mißbraucht werden konnte. Bis zuletzt hatte er loyal die Aufträge von Herrn Neuling erfüllt, auch wenn sie nicht dem entsprachen, was er für richtig hielt.

Heute hat Bernd im Namen seiner Chefin die Geschäftsbeziehungen zu Herrn Neuling und seiner EOB Galerie gekündigt. Und Bernd weiß ganz genau, dass Herrn Neuling das mehr schaden wird, als jede gerichtliche Auseinandersetzung. Falls das jedoch nicht reicht, muss Bernd nur zwei kurze Telefonate mit dem Finanzamt und der Künstlersozialkasse führen…

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4 Antworten zu Der Choleriker

  1. Robert schreibt:

    Au Backe.

    War denn eine Arbeitsvertrag ausgehandelt worden? Wahrscheinlich nicht…also vermutlich keinerlei rechtliche Handhabe.
    Im Nachhinein sagt es sich natürlich sehr einfach, aaber: hätte man riechen können.

    In aller Ernsthaftigkeit biete ich hier Bernd an, ein paar Bodybuilderkumpels zu organisieren und mal in der Galerie shoppen zu gehen, denn Bernd’s körperliche Zurückhaltung war vielleicht nicht ganz das Richtige.

  2. Ghost Dog schreibt:

    Es gibt einen Auftrag über die Tätigkeiten und die Vergütung, den Bernds Chefin mit der Galerie geschlossen hat. Also ist sein Geld hoffentlich noch nicht ganz futsch.

    Ich werde Bernd den Vorschlag mit den Kumpels ausrichten.

  3. abk schreibt:

    ja ja sonen dreisten wichser hatte ick och mal zu ausbildungszeiten als jefe!! man man, was geht in deren köpfen ab fragt man sich!

  4. Pingback: “Und was machst Du so?” « Die Straßen Von Berlin

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